Migration - eine Schicksalsfrage
Migration ist in den vergangenen Jahren zu einer politischen und sozialen Schicksalsfrage geworden. In Deutschland gewinnt vor allem die AfD Wahlen, indem sie verspricht, das Problem mit der Migration zu lösen; gleichzeitig ist Einwanderung zwingend erforderlich, um im alternden Europa das Defizit an Kindern zu kompensieren; während in vielen Staaten des globalen Südens eine Abwanderung besonders der Jungen und Qualifizierten stattfindet. Manche afrikanischen Eltern haben Kinder in Amerika, Asien und Europa – aber keines ist mehr zu Hause.
Vom Auswanderer- zum Einwandererkontinent
Globale Migration – Wanderung zwischen den Kontinenten – hat sich erst in den vergangenen Jahrzehnten seit dem Zweiten Weltkrieg zu einem Massenphänomen entwickelt. Die größte globale Mobilität wiesen seit dem Beginn der Neuzeit die Europäer auf. Jahrhundertelang war Europa ein Abwanderungskontinent, vor allem nach Westen, nach Amerika, aber auch in andere Weltregionen. Zuwanderung fand hingegen seit dem frühen Mittelalter kaum mehr statt. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts setzte eine langsame Einwanderung ein, vor allem der Eliten aus den neu eroberten europäischen Kolonialgebieten. Doch handelte es sich hierbei um vergleichsweise kleine Gruppen.
Das änderte sich erst mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Der Zusammenbruch der europäischen Kolonialreiche führte zu einer umfangreichen Rückwanderung von Europäern aus allen Teilen der Welt – betroffen waren ca. 7 Millionen Menschen. Dazu kam die Einwanderung von Menschen aus den ehemaligen Kolonien aufgrund von privilegierten Zugangsvoraussetzungen. In Staaten ohne Kolonien war vor allem Arbeitsmigration dominant, etwa Gastarbeiter und ihre Familien, die nach Westdeutschland einwanderten. Seit den späten 90er-Jahren nimmt die Migration nach Europa nochmals zu, besonders getrieben durch Krisen in den umgebenden Regionen und den demographischen Wandel in Europa.
Negative Stimmungen
Dennoch wird Migration zunehmend als krisenhaft wahrgenommen. Mehr Migranten aus anderen Ländern muten alternden – und damit tendenziell weniger dynamischen – Zielgesellschaften Veränderungsprozesse zu. Durchgangs- und Zielstaaten reagieren daher zunehmend mit Beschränkungen. Das verstärkte Migrationsregime an den EU-Außengrenzen oder die Donald Trumps Mauer nach Mexiko hin sind dafür Beispiele.
Doch diese Stimmungen können gleichzeitig zum Problem werden. Besonders deutlich wird das in hochspezialisierten Bereichen: Eine Umfrage unter KI-Forschern ergab, dass das politische Klima eines der wichtigsten Kriterien bei der Wahl des Einwanderungsziels ist. Wenn Länder als politisch feindselig wahrgenommen werden, verlieren sie im globalen Wettbewerb, selbst wenn sie attraktive Einwanderungsprogramme anbieten. Immigration ist somit nicht mehr nur eine Frage der Gesetze, sondern der gesellschaftlichen Akzeptanz und Willkommenskultur.
Dabei zeigt ein Blick auf die Zahlen, wie gering die vermeintlichen Probleme mit Personen aus anderen Staaten vergleichsweise sind.
Fakten statt Mythen
Unter Personen mit Migrationshintergrund ist die Quote an Menschen mit Abitur ebenso hoch wie die Deutsche. 30 Prozent, ebenso auf dem Feld der Fachhochschulreife, 9,2 Prozent. Selbst Hauptschüler sind prozentual eher Deutsche ohne Migrationshintergrund. Wesentliche Differenzen gibt es lediglich beim Realschulabschluss – 12 Prozent weniger Personen mit Migrationshintergrund – und ganz unten, bei Menschen ohne Schulabschluss – hier sind es 12 Prozent mehr bei Personen mit Migrationshintergrund. Dieser Trend setzt sich strukturell auch in anderen Bereichen fort: Am unteren Ende der Skala finden sich deutlich mehr Menschen mit Migrationshintergrund als Deutsche, weil sie in der Mitte eher fehlen, während es am oberen Ende der Skala kaum Unterschiede gibt.
Auch bei der berühmten Frage nach der Erwerbsarbeit zeigt sich ein klares Bild: Menschen ohne Migrationshintergrund sind zu 52,6 Prozent erwerbstätig, Menschen mit Migrationshintergrund zu 49,4 Prozent. Der Anteil an Nichterwerbspersonen – Rentner, Kinder, Ehepartner – liegt fast gleichauf bei 46,2 bzw. bei 47,5 Prozent.
Etwas komplexer ist die Situation beim Bürgergeld in Deutschland. In absoluten Zahlen zeigt sich ein ähnliches Verhältnis: Von den rund 5,5 Millionen Menschen, die in Deutschland Bürgergeld empfangen, sind rund 47 % Ausländer und rund 53 % Deutsche. Allerdings leben in Deutschland weniger Ausländer als Deutsche. Daher ist die sogenannte Bezugsquote bei Deutschen und Ausländern unterschiedlich. Insgesamt empfangen rund 8 % der Menschen in Deutschland Bürgergeld. Bei deutschen Staatsbürgern liegt die Quote niedriger, nämlich bei rund 5 %. Bei ausländischen Bürgergeldempfängern ist die Quote mit 20 % etwa 2,5-mal so hoch wie in der Gesamtbevölkerung oder viermal so hoch wie bei Deutschen.
Der syrische Bürgergeldempfänger mit fünf Kindern, der niemals arbeiten wird, ist ebenso ein Zerrbild wie Florida-Rolf, der in den frühen 2000er-Jahren als „Sozialschmarotzer“ durch die Medien getrieben wurde – Fälle, die es wirklich gibt, die aber nur einen Bruchteil der betroffenen Personen ausmachen. Die Wirklichkeit - insbesondere beim Bürgergeldbezug ist viel komplizierter.
Auch die Behauptung, Deutschland sei besonders von Migration betroffen, hält einer näheren Überprüfung kaum stand. Zwar liegt es Deutschland mit 17 Millionen Migranten 2024 hinter den Vereinigten Staaten mit 52 Millionen Migranten auf Platz zwei, gefolgt von Saudi-Arabien mit 14 Millionen. Aufgrund der großen deutschen Bevölkerung liegt ihre prozentuale Zahl aber nur im Mittelfeld bei 20 Prozent – in der Schweiz hingegen bei 31 Prozent und in Österreich bei 26 Prozent. Spitzenreiter global sind die kleinen Golfstaaten wie Katar und Kuweit, wo mehr als 70 Prozent der Einwohner einen Migrationshintergrund haben.
86 Prozent aller weltweit registrierten Flüchtlinge beherbergen Staaten des Globalen Südens
Die These, alle Armen der Welt strömten nach Europa, lässt sich ebenfalls nicht halten. Die wenigsten Personen, die ihr Land auf der Flucht vor Vertreibung, Krieg oder Hunger verlassen, kommen besonders weit. Grund sind Grenzkontrollen, natürliche Barrieren wie Gebirge, Meere oder Wüsten, außerdem fehlende finanzielle Mittel. Zudem wollen viele Flüchtlinge möglichst schnell nach Hause zurückkehren – schon allein deswegen sind weite Wege nicht wünschenswert. Die Staaten des globalen Südens beherbergen 86 Prozent aller weltweit registrierten Flüchtlinge.
Die bekannte These, die Menschen kämen wegen des üppigen Sozialsystems in Deutschland, wird von diesen Zahlen freilich nicht gestützt. Sicher: 24 Prozent der Migranten nach Europa ließen sich in Deutschland nieder. Es stimmt auch: Es findet eine faktische Einwanderung in die deutschen Sozialsysteme besonders im Feld der Fluchtmigration in der ersten Phase nach der Ankunft statt. Doch es ist vor allem die deutsche Wirtschaftskraft, die das Land beliebt macht. So macht das deutsche BIP 24 Prozent des EU-BIPs aus. Man möchte sagen: Die Einwanderer bekommen selbst einen recht guten Verteilungsschlüssel hin.
Die Mauern werden höher
Dabei wird besonders für Arbeitsmigranten der Weg in den globalen Norden zunehmend schwieriger – sowohl politisch als auch finanziell. Die steigenden Lebenshaltungskosten, insbesondere für Wohnraum, Bildung und Kinderbetreuung in Metropolen wie London oder New York, erschweren die soziale Integration und die langfristige Bleibeperspektive. Rekordmieten und Inflation führen dazu, dass selbst hochqualifizierte Fachkräfte Schwierigkeiten haben, im Zielland Fuß zu fassen. In über 110 Ländern haben sich die Bedingungen verschärft, sei es durch langsame Bearbeitungszeiten, höhere Gehaltsschwellen oder politische Instabilität.
Die Gesellschaften des Jahres 2026 befinden sich in einem Paradoxon: Während der demografische Wandel im globalen Norden Einwanderung zwingend erforderlich macht, führen politische Unsicherheit und das Bedürfnis nach nationalem Schutz zu immer höheren Mauern. Dabei wird die Fähigkeit einer Gesellschaft, dieses Spannungsfeld zwischen Offenheit und Kontrolle auszubalancieren, über ihren zukünftigen Wohlstand entscheiden.