Retten, nicht richten
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Freitag, 27. März 2026

Retten, nicht richten

Wohin gehen wir – diese Frage stellt Ingeborg Bachmann in ihrem Gedicht „Reklame“ (1956). Der Text besteht aus Fragen und Antworten. Seine Spannung entsteht dadurch, dass der Leser auf die Totenstille zugeht, während er vermeintlich positive Einflüsterung liest, wie wir sie aus der Reklame kennen.

„Herr, wir wissen nicht, wohin du gehst. Wie können wir dann den Weg kennen?“ (Joh 14,5). Ein wechselseitiges Fragen und Antworten anderer Art finden wir auch im 14. Kapitel des Johannesevangeliums. Das Evangelium ist den Abschiedsreden Jesu entnommen. Jesus sprach zu seinen Jüngern in der Nacht, in der er verraten wurde: „Euer Herz sei unbesorgt. Glaubt an Gott und glaubt an mich“ (Joh 14,1). Dabei erinnerte er die Jünger an seinen Weggang: „Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Wenn es nicht so wäre, hätte ich euch dann gesagt: Ich gehe, um einen Platz für euch vorzubereiten?“ (14,2). Natürlich spricht Jesus vom Himmel. Er geht dorthin, um seinen Jüngern eine Wohnung zu bereiten.

Die meisten Menschen glauben, Gottes Wohnung sei der Himmel. Das griechische Wort für „Wohnung“ oder „Haus“ ist hier „oikia“. Doch meint das Wort im Griechischen mehr als einen Ort, wo jemand wohnt. Vielmehr wird mit „oikia“ die ganze Hausgemeinschaft bezeichnet. In Gottes Familie ist viel Platz. Wir können alle als Mitglied in seine Familie aufgenommen werden. Gottes Haus ist Gemeinschaft. Sein Versprechen in Jesus Christus lautet, uns in Liebe aufzunehmen, uns zu kennen und von uns gekannt zu werden auf eine Weise, die niemals endet. Weil Gott uns einen Platz in seiner Familie zuweist, gibt es keinen Grund zur Sorge. Wir können darauf vertrauen, dass der Vater für uns seit jeher einen Platz an seinem Tisch bereitet hat, ganz gleich, wie unbeständig, unvollendet oder geplagt wir auch sein mögen. Vertrauen in die Botschaft Jesu vom Reich Gottes bedeutet, daran zu glauben, dass Gott sein Wort halten wird.