Der Weg zur regenerativen Landwirtschaft
Vorschau Felder Landwirtschaft
Orientierung
Mittwoch, 22. April 2026

Wie werden Böden wieder lebendig?

Wie viel Leben steckt noch in den Ackerflächen, in denen unsere Lebensmittel wachsen? Erschreckend wenig, lautet vielerorts die Antwort. 

Die moderne Landwirtschaft steht vor einem Dilemma. Im 20. Jahrhundert vollzog sich eine stille Revolution. Seit Dünger künstlich hergestellt werden kann, wird er in immer größeren Mengen auf die Felder ausgebracht und ersetzt traditionelle Methoden. Mit Erfolg: Die Erträge der Felder sind erheblich angewachsen. Ein deutscher Landwirt kann heute etwa achtmal so viele Menschen ernähren wie noch in der Mitte des 20. Jahrhunderts. Dafür werden auch neue Getreidesorten verwendet und die Böden immer effektiver und tiefer umgegraben. Eine Erfolgsgeschichte, will es scheinen. 

„Klinisch tote“ Böden

Doch der Preis ist hoch. Viele Böden seien „klinisch tot“, erzählt Josef Kodera, Landwirt in Tschechien, der neben eigenen Feldern auch Ackerflächen der lokalen Pfarrei bewirtschaftet. Auf Feldern konventioneller Landwirtschaft wachse oft nur das, was dort ausgesät und was durch künstliche Düngemittel versorgt werde. Andere Organismen erhalten keine Nahrung mehr. Und durch das tiefe Pflügen entweicht der Kohlenstoff aus dem Boden, auch kleinste Lebewesen wie Regenwürmer oder Pilze verlieren dadurch ihren Lebensraum. Das Ökosystem Acker bricht zusammen.

Kodera hält das aus vielen Gründen für bedenklich. Schon, weil diese Böden anfälliger sind für extreme Wettereignisse. Die nehmen durch den Klimawandel zu. Doch die toten Böden der konventionellen Landwirtschaft haben sehr geringen Humusgehalt und können daher das Wasser schlecht speichern. Fehlt der Regen längere Zeit, trocknen sie schnell aus. Ein lebendiger, humusreicher Boden wirkt dagegen wie ein riesiger Schwamm: Er kann zehnmal mehr Wasser speichern als ein ausgelaugter Boden. Diese Feuchtigkeit steht den Pflanzen dann im Sommer zur Verfügung. Das entscheidet gerade bei Trockenheit über den Ernteerfolg, gerade dort, wo es keine Wasserspeicher für die künstliche Beregnung gibt – die in Mitteleuropa selten sind. 

Weniger eingreifen, mehr Leben zulassen

Doch wie kann einem toten Boden neues Leben eingehaucht werden? Durch regenerative Landwirtschaft. Vor etwa 1 ½ Jahren ist Kodera auf dieses Konzept umgestiegen.

Alles begann für ihn mit einem „Mindset-Change“ – eine Veränderung der inneren Haltung. Zwar ist das Konzept seit vielen Jahren bekannt und es gibt in Europa eigene Verbände für Landwirte, die so arbeiten. Dennoch ist es ein Nischenthema. Denn der Bauer muss sich davon verabschieden, ständig in die Böden einzugreifen, sondern viel mehr das Leben selbst wirken zu lassen. 

Das wichtigste Werkzeug für die Regeneration sind die Zwischenfrüchte. Unmittelbar nach der Getreideernte sät Kodera eine Mischung aus Klee, Linsen, Ölrettich und Gräsern aus. Jede dieser Pflanzen erfüllt eine Aufgabe: Stickstoff binden, den Boden tief durchwurzeln oder Energie speichern.

Diese Pflanzen frieren im Winter ab oder werden gewalzt. Sie dienen als Nahrung für Regenwürmer und bauen die Humusschicht auf. Die neue Hauptfrucht wird direkt in diesen Mulch gesät, ohne den Boden tief umzugraben. Kodera greift so wenig wie möglich ein, um das fragile Bodenleben nicht zu stören.

Ein jahrelanger Prozess

Es dauert, bis sich die Äcker wieder mit Leben füllen – voraussichtlich fünf Jahre, bis man einen Erfolg sehen kann, so Kodera. Ein plötzlicher Umstieg ist daher nicht möglich. Denn die ökologischere Methode bringt weniger Ertrag. Um Ernteausfälle zu verhindern, düngt Kodera weiterhin mit künstlichem Mitteln – allerdings jedes Jahr etwas weniger. Die alten Erträge werde er aber auch nicht erreichen, wenn der Umstieg vollständig abgeschlossen sei, erklärt er. Das sei aber vertretbar. Denn aus ökonomischer Perspektive sei nicht nur der Ertrag relevant, sondern auch die Kosten. Wenn er regenerative Landwirtschaft betreibe, dann habe er weniger Dieselkosten, weniger Maschinenkosten, weniger Dünger und weniger Pflanzenschutzmittel, erklärt Kodera. Durch diese massiven Einsparungen bei den Betriebskosten bleibt trotz geringerer Erntemengen ein höherer Gewinn übrig. „Der Umstieg zur regenerativen Landwirtschaft ist damit ökonomisch sinnvoll – und ich diene gleichzeitig der Natur.“