Warum Reliquien faszinieren
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Orientierung
Freitag, 20. März 2026

Befremdliche Verehrung

Zu meinen irritierenden Erfahrungen als Katholik gehören meine Besuche in manchen weihrauchschwangeren Barockkirchen – wegen der Seitenaltäre, auf denen in Glassarkophagen Knochengestalten präsentiert werden: echte Skelette, fast vollständig erhalten, mit Gewändern und Juwelen verziert. Ich gebe zu: Das ist nicht meine bevorzugte Form der Spiritualität. Dennoch empfand ich es ebenso als befremdlich, als ich am Grabort der hl. Teresa von Avila ihre Herzreliquie in einer Vitrine ausgestellt fand, wie ein beliebiges Museumsstück.

Reliquien sorgen 2026 für Massenandrang

Derzeit ist sich der Reliquienkult in der katholischen Kirche besonders eindrucksvoll: Hunderttausende Menschen pilgern nach Assisi, wo die Gebeine des hl. Franziskus ausgestellt sind – in einer Glasvitrine, unter der man die Überreste des Skeletts betrachten kann. Der Andrang ist so groß, dass Timeslots gebucht werden müssen.

Was fasziniert die Menschen so sehr an Reliquien, dass sie bereit sind, stundenlang dafür anzustehen?

Die Theologie des Leibes

Um Auferstehung geht es dabei auch – wenigstens aus theologischer Perspektive. Denn früher stellte man sie sich sehr plastisch vor. Gott haucht am Jüngsten Tag den toten Körpern wieder Leben ein. Der irdischen Materie des Verstorbenen kommt damit eine für ihn heilsrelevante Bedeutung zu. Bildlich dargestellt kann man das etwa am Grab des hl. Bonifatius in Fulda sehen. Da klettert der auferstandene Heilige im vollen Bischofsornat aus dem Grab, assistiert von zwei kleinen Engeln.

Die körperlichen Überreste gehörten in dieser Vorstellungswelt also zur Identität eines Menschen: Leib und Seele werden zwar durch den Tod getrennt, sie bleiben aber aufeinander bezogen. Und so, wie viele Heilige schon im Leben Wunder taten, so tun sie es auch – oder gerade dann – nach ihrem Tod. Und weil die Gräber die letzten Wohnorte der Heiligen sind, sind sie die Orte, an denen diese Wunder am ehesten geschehen.

Vorschau Fulda Bonifatiusgrab
Das Grab des hl. Bonifatius zeigt den Heiligen, wie er wieder aufersteht

Heilskraft zum Anfassen

Der tote Leib des Heiligen war daher gerade im Mittelalter und in der frühen Neuzeit Vermittler zwischen Himmel und Erde. Das konnte im Volksglauben sehr materielle Züge annehmen. Die wundertätige Kraft des Heiligen strahlte in der Vorstellung der Gläubigen von seinen Reliquien quasi ab wie Licht. Schon Gregor von Tours (538–594) sprach in diesem Zusammenhang vom mysterium luminis und assoziierte die Heilskraft mit dem Licht.

Um möglichst viel der wundertätigen Kraft für sich zu erhalten, wurden die Reliquien nicht nur geschaut, sondern auch berührt, geküsst oder es wurden aus ihnen Folgereliquien hergestellt. So gibt es etwa eine metallische Reliquientasche, in der die Reliquie eines Heiligen aufbewahrt wurde; die Tasche verfügt über zwei kleine Öffnungen: oben und unten. Der Priester goss oben Öl in die Tasche hinein, das unten herauslief. Es war dabei mit den Reliquien in Berührung gekommen – und somit selbst zur Reliquie geworden.

Die Grenzen zu magischen Vorstellungen waren dabei fließend und nie so trennscharf, wie es sich die Theologen wünschten. Zwar lehnte es die Kirche stets strikt ab, den Reliquien an sich eine magische Wirkung zuzusprechen. Sie bildeten nur eine Brücke zum Heiligen, der wiederum eine Brücke zu Gott war. Ob diese feinsinnige Unterscheidung jedoch in den Köpfen der Gläubigen existierte, darf bezweifelt werden.

So gewinnt man im Gang durch die Reliquiengeschichte den Eindruck, die Theologie laufe dem Volksglauben nach, den sie zu erklären suche, und nicht umgekehrt. Wenn also die Praxis der Gläubigen der Ursprung des Reliquienkults ist, woher stammt dann diese Praxis?

Vorschau Friedhof
Gräber sind seit jeher Orte der Begegnung der Lebenden mit den Toten

Ein Grundmuster des Menschen

Es lohnt sich, für diese Frage die Grenzen des Christentums zu verlassen. Die Verehrung von Orten, an denen bedeutsame Tote begraben liegen, gibt es in vielen Religionen: Die Buddhisten kennen die Stupas, in denen sie Reliquien Buddhas Shakyamuni oder bedeutender Mönche verehren. Auch die Muslime kennen heiligmäßige Menschen, an deren Gräber sie pilgern, ebenso wie die Juden. Es scheint ein den meisten menschlichen Kulturen eigenes Phänomen zu sein: Man sucht die Verstorbenen räumlich auf.

Dahinter steht ein anthropologisches Grundproblem: Der Mensch kann sich das Sterben vorstellen, nicht aber den Zustand danach. Deswegen gehört es zum Wesen fast aller Kulturen, den Geistern der Verstorbenen eine gewisse Restpräsenz in der Welt der Lebenden zu unterstellen. Durch diese Restpräsenz kommt diesen Geistern ein gewisser Einfluss zu, denn den hatten sie auch als Lebende. Zugleich kann man mit ihnen aufgrund ihrer Restpräsenz noch in Kontakt treten. Diese Präsenz ist naheliegenderweise dort am stärksten, wo die körperlichen Reste dieser Menschen liegen – denn Geist und Körper hängen eng miteinander zusammen, das ist eine beständige menschliche Erfahrung.

Von den Gräbern der Märtyrer zu den Altären der Kirche

Kehren wir zum Christentum zurück: Die Nähe zu den Gräbern ihrer Verstorbenen, besonders zu den Märtyrern, suchten auch die frühen Christen. In den Katakomben Roms, den Grablegen der ersten Christen dort, sind schon sehr früh Altäre nachzuweisen. Die Mahlgemeinschaft, die dort gefeiert wurde, umschloss somit symbolisch auch jene Gläubigen, die schon verstorben waren. Bald wurden dann nicht Kirchen in Gräbern, sondern Kirchen über Gräbern errichtet. So markiert etwa der Petersdom die Stelle, an der in der Spätantike das Grab Petri vermutet wurde.

Seit dem 8. Jahrhundert entstand die Tradition, jeder Altar solle eine Reliquie enthalten – womit der Bedarf an Reliquien enorm stieg. Man begann daher, Heilige aus den Zentren des antiken Christentums in andere Regionen umzubetten. Ein Beispiel ist der hl. Liborius: Dieser soll Bischof von Le Mans und ein Freund des hl. Martin von Tours gewesen sein. Mehr ist über ihn nicht bekannt. Bedeutung erlangte er erst durch die Überführung seiner Gebeine nach Paderborn – ein Vorgang, um den sich die meisten Erzählungen über Liborius drehen. In Paderborn stieg er dann zum Regionalheiligen und zur Identifikationsfigur auf.

Der wachsende Bedarf an Heiligen

Weil es aber auch in den alten Zentren des Christentums nicht genug Heilige gab, um den Bedarf in den germanischen und slawischen Missionsgebieten zu befriedigen, begannen die Kleriker, die Gräber zu öffnen und kleine Körperteile zu entnehmen. Weil auch das endlich war und die Heimatkirchen ihre kostbaren Körper nicht beliebig verstümmeln wollten, kamen Kontaktreliquien auf. Wenn man schon keinen Knöchel vom hl. Franziskus bekam, dann doch wenigstens einen Stofffetzen seines Gewandes.

Wenn Reform zur Zerstörung wird

Wie gefährlich jedoch der Versuch ist, zwischen Brauchtum und echter Lehre zu unterscheiden, zeigt sich andernorts: in Saudi-Arabien. Dort herrscht mit dem Wahhabismus ein radikaler Reformislam, der die reine Lehre des Koran befolgen will. Als sich die Wahhabiten mit den saudischen Truppen über die arabische Halbinsel ausbreiteten, begann die Zertrümmerung des alten Arabien. Stätten, die Muslimen seit den Tagen des Propheten Mohammed als heilig galten, wurden planiert. Selbst vor dem ältesten Friedhof von Medina machten die Wahhabiten nicht halt. Schreine, Mausoleen und Grabsteine wurden niedergerissen – geblieben ist nur eine kahle, ebene Sandfläche. Dieses krasse Beispiel zeigt, welche Folgen es haben kann, wenn unterschiedliche religiöse Vorstellungen aufeinander treffen – und die eine der anderen Seite vorschreibt, wie es wirklich ist.

Vorschau Medina Friedhof
Der Baqīʿ al-Gharqad in Medina war einst Ort von zahlreichen Mausoleen und reichen Gräbern aus allen Phasen der islamischen Epochen. Doch was vielen Muslimen heilig war, wurde im Namen des Koran planiert

Eine bleibende Fremdheit

Es bleibt daher eine beiderseitige Fremdheit zurück. Die Verehrung der Heiligen in ihren reich geschmückten Skeletten ist mir weiterhin so fremd wie die Idee, von diesen Knochen ströme ein mystisches Licht aus. Doch wer bin ich, um das für ganz und gar abwegig zu halten? Vielleicht ist der heilige Schauer, den ich bei der Betrachtung der Herzreliquie gespürt habe, genau das: eine Kraft, die nicht erst im Glauben geschaffen wird, sondern erst im Glauben sichtbar wird.

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Headerbild: Richard Huber /  CC BY-SA 3.0 (Wikimedia Commons), ohne Änderung. 

Armreliquiar des hl. Nikolaus, um 1225/30 (Domschatz Halberstadt) Kulturstiftung Sachsen-Anhalt, Foto: Bertram Kober/punctum. CC BY 3.0 (Wikimedia Commons), ohne Änderung. 

Grab des Bonifatius: © Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0  Wikimedia Commons), ohne Änderung. 

Friedhof: Waldemar Brandt (unsplash)

Windeln Jesu: Geolina163 / CC BY-SA 3.0 (Wikimedia Commons), keine Änderung