Die Oblaten in Essen-Kray
Vorschau Essen Kray Gastkirche
Mazenodfamilie
Freitag, 12. Juni 2026

Den Armen das Evangelium verkünden

Nah bei den Menschen – manchmal klingt das Motto der Oblaten wie ein Werbespruch. Doch wer die sechs Oblaten im Kloster EssenKray besucht, erfährt, wie der Leitsatz gelebt wird.

Aktuell leben sechs Oblaten im Kloster in Essen-Kray. Die Patres Thomas Wittemann, Waldemar Brysch und John Thomas David arbeiten in der Pfarrei mit. Nach der Auflösung des Klösterchens in Gelsenkirchen leben die Patres Werner Pieper und Peter Eisenbart ebenfalls in Kray. Sie sind noch in der Pastoral in Gelsenkirchen beschäftigt. Der jüngste Neuzugang ist Pater Johnastine Pantra, der gerade sein Deutsch verbessert und währenddessen an vielen Stellen mithilft. 

Die Gastkirche St. Barbara

„Wir sind wegen der Gastkirche hier“, erklärt Pater Thomas Wittemann, der Superior der Kommunität. Die Gastkirche, das ist die Kirche St. Barbara, direkt neben dem ehemaligen Pfarrhaus. Schon durch die gemeinsame Backsteinoptik gehören beide Gebäude sichtbar zusammen. Die neugotische Kirche öff net sich auf einen begrünten Vorplatz, davor eine Bushaltestelle, direkt an der Einkaufsstraße von Kray. Dutzende Läden verschiedenster Nationalitäten reihen sich dort aneinander. Allein durch diese Lage im Ortskern ist man nah bei den Menschen.

Doch die Gastkirche folgt einem besonderen Konzept: Dort sind zwei Funktionen in einem Raum zusammengefasst: Da ist der eigentliche Kirchenraum – und ein Gastraum im vorderen Teil, wo Menschen essen und einander begegnen können. Die Verbindung der spirituellliturgischen mit dem sozialkaritativen Element schafft eine besondere Atmosphäre. In der Gastkirche sind der Tisch der Eucharistie und die Tische für das Gastmahl aufeinander bezogen. „Das soll keine normale Suppenküche sein“, so Pater Thomas Wittemann OMI, der Superior der Oblatenkommunität: „Sondern ein Ort der Begegnung, ein Ort, an den Menschen kommen können und wissen: Da wird mir geholfen.“

Hilfe im Alltag

Werden sie akzeptiert, dann kommen die Oblaten ins Gespräch. Pater Wittemann denkt da etwa an einen jungen Mann, dem man seine Bedürft igkeit ansieht. „Er bekommt vom Staat Geld auf ein Konto bei der Bank. Aber wenn er allein dorthin geht, wird er wie ein Aussätziger behandelt. Hier noch etwas ausfüllen, da noch ein Formular, und so weiter. Aber wenn jemand mitkommt, hat er in fünf Minuten sein Geld.“

Vorschau Essen Kray
Zum Gemeinschaftsleben gehört auch das gemeinsame Essen der Oblaten. Fotos: S. Veits

Zeit und ein Netzwerk von Helfern

Für viele Bedürft ige ist Zeit ein wichtiger Faktor. Pater Waldemar Brysch OMI nimmt sich auch mal eine Stunde Zeit, um sich mit den Leuten hinzusetzen, sich alles anzuhören und Hilfe zu vermitteln. Auch dafür gibt es ein großes Team von Ehrenamtlichen, die ein Netzwerk für die Menschen bilden. So auch der Hausarzt der Oblaten. „Wenn jemand krank ist oder Beschwerden hat, kann man sagen: Wir haben da jemanden, komm vorbei, der schaut sich das an“, so Pater Wittemann. Solche niederschwelligen Angebote schaff en Verbindungen.

Begegnungen, die etwas verändern

Solche Verbindungen werden auch direkt vor Ort in der Gastkirche gestift et. Wenn Menschen normalerweise einen Obdachlosen sehen, so Wittemann, sei die Reaktion meistens: Distanz, Wegschauen, einen Bogen drum machen. Und in der Gastkirche sitzt plötzlich dieser Obdachlose mit am Tisch. Dann gibt es auf einmal Raum für Begegnung, für Neugier aufeinander. „Das verändert etwas“, so Wittemann: „Wenn sich die Gäste später wieder begegnen, nehmen sie sich anders wahr. Sie grüßen sich.“

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So stelle ich mir Kirche vor.

Ein Besucher der Gastkirche

Gastmähler mit Wirkung

Dadurch kann etwas Besonderes entstehen, etwa am ersten Weihnachtstag vergangenen Jahres: Da war laut Wittemann nicht nur die Kirche, sondern auch der Gastbereich von vielen Helfern festlich geschmückt und es gab ein schönes Essen für 30 Leute. Auch ansonsten sind die Gastmähler gut besucht, häufi g von um die 40 Personen. Daraus entsteht eine Dynamik, die auch kritische Geister überzeugt. „Wir hatten schon ein paar Wiedereintritte“, erzählt Pater Wittemann. „Die haben gesagt: So stelle ich mir Kirche vor.“

Eine Verbindung mit Herausforderungen

Die Verbindung von liturgischem und sozialem Raum ist dabei nicht ohne Schwierigkeiten. Derzeit hat man sich praktisch darauf beschränkt, mehrere Tische mit Stühlen im hinteren Teil des Raumes aufzustellen, außerdem wurden mehrere Kirchenbänke zueinander umgedreht und Tische dazwischen geschoben. Das ist laut Pater Wittemann aber keine Dauerlösung. Denn der liturgische Raum stellt ja eigene Anforderungen, die erhalten bleiben müssen. Eine Trennung wird also notwendig werden. Doch wie, das ist noch nicht ausgemacht.

Bekannt über Essen hinaus

So ist die Gastkirche noch im Werden. Und dennoch schon über Stadt und das Bistum Essen hinaus bekannt. Der Kardinal von Hongkong war schon da, außerdem eine Delegation aus Myanmar. Auch in Rom hat man von der Gastkirche schon Kenntnis genommen – wenigstens im Bild: Auf Vatikan News hat man ein Schreiben des Papstes mit einem Bild der Gastkirche bebildert. Mehr als durch die Bekanntheit fühlen sich die Oblaten durch die Stimmung am Ort getragen. Pater Wittemann: „Wir haben den Eindruck, hier können wir etwas bewegen.“