Die Option für die Ärmsten
Vorschau Pater Betuel im Kongo
Mazenodfamilie
Freitag, 22. Mai 2026

Die Option für die Ärmsten

Beseelt von dem Wunsch, den Weg meiner dreijährigen missionarischen Erfahrung in der Mitteleuropäischen Provinz festzuhalten, und im Rahmen der Feier meines zehnjährigen Priesterjubiläums habe ich diesen Bericht verfasst. Drei Jahre Mission in einer neuen Welt sind nicht unbedeutend; zehn Jahre Priesterleben sind kein geringes Ereignis. Dieser doppelte Meilenstein offenbart den Weg, der durch viele Unwägbarkeiten geführt hat.

Vorschau P Betual in Unlingen
Pater Betuel in seiner aktuellen Kommunität in Unlingen

Das Dilemma

Am Ende meiner vorgesehenen Zeit in der Mitteleuropäischen Provinz legte ich meinem Provinzial einen Bericht vor und wartete auf seine Antwort, um über das weitere Vorgehen zu entscheiden. Er legte mir die dringenden pastoralen Bedürfnisse im Kongo dar.

Ich befand mich daraufhin in einem echten Dilemma, das Herz geteilt zwischen zwei Provinzen, die mir beide sehr am Herzen lagen. Dieser Konflikt drängte mich zu einer intensiven Zeit des Gebets und der geistlichen Unterscheidung. Es ging darum, zu verstehen, wo mich die Mission vorrangig ruft.

Die Option für die Armen

Das Charisma unserer Kongregation besteht darin, das Evangelium dorthin zu tragen, wo die christliche Präsenz am zerbrechlichsten ist und wo Menschen am Rande der Gesellschaft leben.

In diesem Geist wird die „vorrangige Option für die Armen“ zu einem missionarischen Kompass. Sie lädt uns ein, die Bedürfnisse der Verletzlichsten wahrzunehmen, sei es materielle Armut, Einsamkeit, geistliches oder kulturelles Leid. Für uns Oblaten bedeutet die Evangelisierung der Armen, auf benachteiligte Gemeinschaften zuzugehen, den Dialog mit den Ignorierten oder Vergessenen zu suchen und die Verkündigung des Evangeliums an ihre spezifische Lebensrealität anzupassen. Den Armen zu dienen bedeutet, Christus in den Leidenden zu verkörpern, auf den missionarischen Ruf zu antworten und zu bezeugen, dass das Evangelium eine Verheißung der Befreiung für alle ist. Die christliche Mission nimmt dort Gestalt an, wo die Not am größten ist, und jedes Gesicht der Armut wird zu einem privilegierten Ort der Begegnung mit Christus.

Die Entscheidungsfindung

Ich hatte mich schon in diesem neuen Land eingelebt und in Deutschland eine zweite Heimat gefunden. Hier schätzte ich die außergewöhnliche soziopolitische Organisation, die die pastorale Arbeit so sehr erleichtert. Ein gutes politisches System kann eine entscheidende Rolle für das Gelingen pastoraler und missionarischer Aktivitäten spielen, besonders wenn es Freiheit, Stabilität und Gerechtigkeit garantiert.

Doch die Unterscheidung half mir, mich auf das Wesen unseres Charismas zu stützen. Den Verletzlichsten zu dienen ist der Kern unseres Auftrags. So entschied ich mich zugunsten der Provinz Kongo. Das bedeutet nicht, dass es in Europa keine Armen zu evangelisieren gibt – viele leiden hier beispielsweise unter einer tiefen Sehnsucht nach Gott und unter Einsamkeit. Aber im Kongo ist die Not vieldimensional: Zur geistlichen Not kommen die Traumata endloser Kriege und Analphabetismus hinzu. Indem ich mich für die Rückkehr entscheide, folge ich dem Ruf zu der am lautesten schreienden Not.

Daher gehe ich zunächst nach Belgien, um dort Psychologie zu studieren und von dort in meine Heimat zurück – so können mein priesterlicher Dienst und meine psychologischen Kompetenzen im Dienst des Reiches Gottes ihre volle Wirkung entfalten.

Ich gehe nicht weg, um eine Familie zu verlassen, sondern um die Freude des Evangeliums, die wir gemeinsam geteilt haben, weiterzutragen.

Pater Betuel Kinangeni OMI
Unlingen