Die Welt mit anderen Augen sehen
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Freitag, 3. Juli 2026

Die Welt mit anderen Augen sehen

Regelmäßig reisen Schüler der Oblatenschule Burlo nach Indien. So auch 2026. Das ist aber kein Urlaub, sondern eine Reise voller Selbsterfahrungen und Begegnungen. Der Weinberg sprach mit P. Augustine Devadoss OMI, der die Schüler begleitete.

DER WEINBERG

Wie kam es dazu, dass Sie mit den Schülerinnen und Schülern nach Indien gefahren sind?

P. Augustine Devadoss OMI

Die Reise wird von Christian Reisener, einem Lehrer am Gymnasium Mariengarden, jedes Jahr im Rahmen des Projektes „We for India“ organisiert. Ich fahre seit drei Jahren als Teil der Schulseelsorge mit. Außerdem bin ich der indische Begleiter für die Schüler. Normalerweise besuchen wir jedes Jahr die Oblatenschulen. Das war dieses Jahr nicht möglich. Die Oblatenhäuser haben keine Erlaubnis, Unterkünfte für Ausländer anzubieten. Dafür müssen sie erst eine neue Erlaubnis einholen. Deswegen haben wir stattdessen Schulen des Bistums Puducherry besucht.

DER WEINBERG

Wo in Indien begann Ihre Reise?

P. Augustine Devadoss OMI

Wir sind in Kolkata mit dem Flugzeug angekommen. Es war ein kultureller Schock. Zum Beispiel leben so viele Leute auf der Straße. Der Verkehr ist anders, das Wetter ist anders, das Essen ist anders. Aber unsere Schüler waren sehr offen und sie hatten viel Interesse, Indien und die Kultur kennenzulernen. Wir haben im Seva Kendra, einem sozialen Zentrum des Bistums Kolkata, übernachtet. Von dort aus haben wir Einrichtungen der MutterTeresaSchwestern besucht. Die haben dort ein Zentrum für geistig und körperlich behinderte Kinder. Wir sind auch durch Slums gekommen, zu Menschen, denen es am Nötigsten fehlt, die aber trotzdem glücklich sind. Das hat die Schüler emotional sehr berührt und es war für sie eine sehr eindrucksvolle Erfahrung. Sie sind körperlich gesund, es geht ihnen in Deutschland materiell gut und sie können vieles erleben und sehen – das ist ein schnell vergessener Segen. Diese Erkenntnis in Kolkata erfahren zu können, war ein gutes Fundament für unsere Reise.

DER WEINBERG

Wie ging es weiter von Kolkata aus?

P. Augustine Devadoss OMI

Von Kolkata sind wir in den Süden geflogen, nach Puducherry. Das liegt an der Ostküste Indiens in der Nähe von Chennai. Dort haben wir mehrere Schulen besucht, unter anderem zwei des Erzbistums Pondicherry und Cuddalore. Die Begegnung mit den indischen Schülern stand dabei im Zentrum. Englisch ist eine von zwei offiziellen Sprachen in Indien, das hat den Austausch überhaupt erst möglich gemacht. Dennoch hat es natürlich gedauert, bis alle miteinander ins Gespräch gekommen sind. Doch waren beide Seiten sehr offen. Für die Schüler war es eine wunderbare Gelegenheit, mit anderen Schülern ins Gespräch zu kommen und ihnen einige Bewegungslieder beizubringen. Sie haben auch zusammen Sport getrieben, zum Beispiel Fußball und Cricket. Sie haben auch viel über das Schulsystem in Indien und Deutschland gesprochen, wie die Lehrer unterrichten, welche Vorgaben es gibt und wie die Schüler miteinander umgehen usw.

DER WEINBERG

Wie verlief die Begegnung mit den indischen Schülern?

 

P. Augustine Devadoss OMI

Für die indischen Schüler war der Besuch der deutschen Schüler eine große Freude. Wir wurden von den indischen Schülern herzlich empfangen. Es war sehr spannend. Es war eine Gelegenheit, auch etwas über den Schulalltag und das Leben der Schüler zu erfahren. Natürlich haben sie Selfies gemacht – und einige Kinder haben auch Unterschriften bekommen, zur Erinnerung. Sie waren sehr interessiert daran, zu erfahren, wie es in Deutschland ist. Da hat man auch den finanziellen Unterschied sehr gemerkt. Die deutschen Schüler können sich die Fahrt nach Indien leisten, die indischen Schüler, die wir besucht haben, können aber nicht nach Deutschland fliegen.

DER WEINBERG

Wie ging es von Puducherry weiter?

P. Augustine Devadoss OMI

Von der Ostküste sind wir mit dem Bus an die Westküste Indiens gefahren. Das war eine lange Fahrt, weswegen wir eine Nacht in einem benediktinischen Ashram, Shantivanam Ashram, in Kulithalai übernachtet haben. Das gab den Schülern die Gelegenheit, zur Ruhe zu kommen, zur persönlichen Reflexion, die Eindrücke ihrer bisherigen Reise zu verarbeiten und ihr Tagebuch zu führen. Es dient ihnen zur Reflexion und als Erinnerungsstütze, wenn sie zum Beispiel nach einem Jahr zurückschauen. Es gab auch an mehreren Tagen eine Feedbackrunde. Dieser Austausch war für manche sehr emotional. Einige haben geweint, zum Beispiel in Erinnerung an die Slums.

Danach sind wir vom Ashram nach Kerala mit dem Bus weitergefahren. Die Schüler waren begeistert von der Freundlichkeit und Offenheit der Menschen. Auch die Natur und die grünen Landschaften haben Eindruck hinterlassen.

DER WEINBERG

Hat sich etwas im Leben der Schüler verändert, die mitgefahren sind?

P. Augustine Devadoss OMI

Die Eindrücke sind noch ganz frisch, deswegen kann man über langfristige Effekte nichts sagen. Ich höre aber von Lehrern und Eltern, viele Schüler seien etwa dankbarer für ihr eigenes Leben und für Kleinigkeiten geworden und zeigten mehr Verständnis für andere. Sie haben selber erlebt, wie unterschiedlich die Lebenssituationen sein können und wie sie alles nun in ihrem täglichen Leben schätzen können. Die Reise hat ihnen geholfen, die Welt nun mit anderen Augen zu sehen.

DER WEINBERG

Welchen Effekt bemerken Sie in der Beziehung zu den Schülern?

P. Augustine Devadoss OMI

Für mich selbst war die Reise eine Möglichkeit, die Schüler besser kennenzulernen. Das zeigt sich im Alltag. Nach der Reise haben sich natürlich die Beziehung und das Vertrauen vertieft. Ich bin noch einige Wochen in Indien geblieben, weil ich in meiner Heimat Urlaub gemacht habe. In Indien habe ich auch Gottesdienste und Gebetszeit gehalten, etwa eine Messe bei den Schwestern von Mutter TeresaSchwestern. Das fanden die Schüler sehr schön.

Es bestand auch immer wieder Gelegenheit, den Schülern von meinem Leben zu erzählen. Viele wissen nicht viel über uns Oblaten und das Ordensleben. So konnten sie z. B. nicht verstehen, dass wir Oblaten kein eigenes Konto haben, und es war auch interessant für sie zu wissen, wie unser Leben gestaltet ist. Auch von meinem Glauben konnte ich immer wieder erzählen, weil die Schüler mich danach gefragt haben. Es war generell für mich eine sehr schöne Erfahrung, die Jugendlichen zu begleiten.