Der Bischof als Vater und Diener aller
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Mazenodfamilie
Im Gespräch
Donnerstag, 9. Juli 2026

Der Bischof als Vater und Diener aller

Im Juli wurde Pater Miguel Fritz zum Bischof des Apostolischen Vikariats Pilcomayo geweiht. Seitdem hat sich zwar nicht sein Wirkungsort verändert, aber manche Erwartungen. Der WEINBERG sprach mit ihm über Formen von Leitung im Vikariat und bei den Indigenen. Das Gespräch führte Maximilian Röll.

Apostolisches Vikariat Pilcomayo

Das Apostolische Vikariat Pilcomayo umfasst eine Fläche von 125.000 km², die in sechs Pfarreien eingeteilt ist. Von den 83.000 Einwohnern der Region sind 44.000 Katholiken. Es gibt 12 Priester, darunter sechs Oblatenpatres.

DER WEINBERG

Bischof Miguel, Sie wurden am 14. Juli zum Bischof geweiht. Was hat sich für Sie seitdem verändert?

Bischof Miguel Fritz

Bevor ich Bischof wurde, war ich schon zweieinhalb Jahre Administrator des Apostolischen Vikariats und vorher zweimal Generalvikar. Ich lebe seit 41 Jahren in Paraguay, die meiste Zeit im Chaco. Die Gegend, die Menschen, die Arbeitsfelder waren mir vertraut. Der größte Unterschied ist, dass die Leute mich anders ansehen und anreden. Die Paraguayer legen sehr viel Wert auf Titel und Rang. Jetzt bin ich überall Monseñor. Dabei habe ich nie Lust verspürt, eine Autorität zu sein. Das liegt mir nicht. Aber es wird von mir erwartet, zum Beispiel von vielen Weltpriestern. Doch die Autorität gibt mir auch Sichtbarkeit. Es suchen mehr Menschen Kontakt zu mir, etwa Politiker, was ich nutzen kann. Wir hatten vor einiger Zeit einen Fall einer Frau, die sehr krank war. Und wenn du krank bist in Paraguay, dann brauchst du Geld. Ich habe den Bürgermeister und den Gouverneur angerufen – und das Problem war gelöst.

DER WEINBERG

Die Hälfte der Einwohner im Vikariat sind Indigene. Sie haben besonders viel Zeit mit den Nivaĉle verbracht. Was haben Sie dort über Leitung gelernt?

Bischof Miguel Fritz

Ich kenne mehrere Generationen von Nivaĉle-Chiefs. Die erste Generation waren Analphabeten, aber hundertprozentig mit ihrer Kultur identifiziert. Für diese Chiefs war ihr Ansehen in der Gemeinschaft ein hohes Gut. Sie haben alles gegeben für ihre Leute, denn das wurde von ihnen erwartet. Sie haben selbst nur eine Hose gehabt und wenn es Essen gab, haben sie selbst auf Essen verzichtet, damit die anderen etwas hatten. Das war auch bei den Frauen so. Die Nivaĉle sind eine matrilineare Kultur. Das Ansehen der Frau resultierte daraus, wie viel Essen sie verteilen konnte. Ihr Mann war dafür da, das Essen zu besorgen.

Die Situation änderte sich, als der Einfluss der Weißen auf die Region zunahm. Man musste Kontakt zu den Nichtregierungsorganisationen und staatlichen Organisationen aufbauen. Das konnten die alten Chiefs nicht. Auch die Rolle der Frau hat sich verändert, als die Missionare und die Militärs in den Chaco kamen. Das waren alles Männer – und sie haben mit den Männern in den Stämmen gesprochen, nicht mit den Frauen.

Die nächsten Generationen der Nivaĉle-Chiefs waren ein Stück weit durch die spanischsprachige Kultur geprägt. Das verbesserte ihre Möglichkeit, mit staatlichen Akteuren zusammenzuarbeiten. Doch Politik in Paraguay ist häufig korrupt – und das hat sich auch auf die neuen Führungsfiguren bei den Nivaĉle übertragen. Sie denken nicht mehr vorrangig an ihr Volk, sondern an sich selbst und an ihren eigenen Clan. Aus dem Diener aller ist so derjenige geworden, der sich am meisten selbst bedient.

DER WEINBERG

Neben weltlicher gibt es auch spirituelle Leitung. Wie sieht diese bei den Nivaĉle traditionell aus?

Bischof Miguel Fritz

Die spirituelle Führung hatten die Schamanen inne. Sie waren zuständig für das Gleichgewicht mit der Natur, sie konnten um Regen bitten, sie haben Krankheiten geheilt und Frieden gestiftet.

Als die Weißen kamen, brachten sie neue Krankheiten wie Grippe oder Tuberkulose. Dagegen waren die Schamanen machtlos. Dazu kam noch die Konkurrenz zu den Missionaren. Die Indigenen standen dazwischen: Der Schamane sagte, geh nicht zu dem Priester, der bringt dein Kind um. Der Priester sagte, geh ja nicht zum Schamanen, das ist Aberglaube. Wir haben aber gelernt: Die Indigenen suchen deren Fähigkeiten auch weiterhin. Vor 25 Jahren haben wir daher angefangen, Schamanentreffen zu organisieren. Manche von ihnen waren Christen geworden, sogar Katechisten. Wir haben mit ihnen darüber gesprochen, wie beides möglich ist.

DER WEINBERG

Wie sieht der Dienst des Bischofs an der Gemeinde vor Ort konkret aus?

Bischof Miguel Fritz

Der Bischof soll der Vater seiner Priester und für alle pastoralen Mitarbeiter sein. Das ist für mich das Wichtigste. Dazu gehört auch, nicht an den Geistlichen vor Ort vorbeizuhandeln, sondern immer in Übereinstimmung mit ihnen. Das beginnt schon im Kleinen: Wenn ich etwa am Sonntag zu Hause bin, möchte ich nicht nur in meiner Kathedrale bleiben. Also frage ich den Pfarrer, in welche Gemeinde er mich schicken will.

DER WEINBERG

Wie leben Sie als Bischof?

Bischof Miguel Fritz

Ich lebe in einer Kommunität mit den anderen Oblatenmissionaren vor Ort, obwohl ich das als Bischof nicht bräuchte. Doch für mich ist das ein großer Segen. Wir sind zu viert: ein Bruder, zwei Priester, davon einer aus Sambia, die beiden anderen stammen aus Paraguay, und ich, also drei Nationalitäten. Der Bruder ist gerade 30 geworden, die Priester sind beide in den 40ern und ich bin der alte Herr. Wir beten zusammen, wir essen zusammen und wir spielen zusammen Karten – Canasta.

DER WEINBERG

Leitungspositionen bringen oft auch Einsamkeit mit sich, besonders, wenn schwere Entscheidungen anstehen. Wie gehen Sie damit um?

Bischof Miguel Fritz

Ich habe oft schlaflose Nächte oder Stunden. Es gibt Situationen, da spüre ich die Verantwortung sehr stark, weil ich etwas entscheiden muss, was mir schwerfällt. Es gibt Themen, die kann ich nicht in die Kommunität hineintragen. Aber wirklich einsam fühle ich mich nicht. Außerdem habe ich im Laufe der Zeit gelernt, es gibt Probleme, die kann ich nicht lösen, da kann ich nur auf Gott vertrauen – und Er findet einen Weg.