Wie man Freunde gewinnt – und hält
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Mittwoch, 28. Januar 2026

Wie man Freunde gewinnt – und hält

In meiner früheren Nachbarschaft wohnte ein älterer Herr, Anfang achtzig, von dem die anderen Bewohner des Mehrfamilienhauses wenig sahen. Er verließ seine Wohnung nur zum Einkaufen oder für gelegentliche Spaziergänge. Er bekam nie Besuch – außer von seiner Tochter. Als junger Mann habe er wohl schon viele Freunde gehabt, erklärte sie mir einmal. Doch später füllten Jobs und Familie sein Leben so aus, für Freunde sei keine Zeit gewesen. Und so saß er nach dem Tod seiner Frau einsam in seiner Wohnung. Für mich wurde in diesem Moment greifbar, wie viel Freundschaften bedeuten – und wie sie aus dem Blick geraten können.

Warum Freundschaften ab 40 herausfordernder werden

Dabei scheint es am Anfang sehr leicht zu sein: In der Schulzeit und im Studium fliegen einem Freundschaften regelrecht zu. Denn Freundschaften entstehen vor allem durch physische Nähe, wiederholte ungeplante Interaktion – mit anderen Worten: viel gemeinsam verbrachter Zeit. Es braucht etwa 80 bis 100 gemeinsam verbrachte Stunden, damit echte Freundschaft entstehen kann – für richtig gute Freundschaften sogar doppelt so viel. Entsprechend ist der Freundeskreis von jungen Menschen zwischen 14 und 25 besonders groß.

Doch mit den Jahren wird es schwieriger Freundschaften zu bilden: In der Arbeit herrscht häufig eine Konkurrenzsituation, Partner und Kinder absorbieren viel Zeit, später kommt die Pflege der Eltern dazu. Entsprechend bilden sich kaum noch neue Freundschaften; die Pflege bestehender wird wichtiger. Doch auch diese können erodieren, wenn man sie vernachlässigt. Wer das erkennt, steuert gegen: Gerade ältere Menschen widmen viel Zeit in die Pflege wichtiger Freundschaften. Für viele werden diese ebenso wichtig wie ihre Familie.

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Kinder und Jugendliche finden am leichtesten Freunde

Was für ein Freund bist du?

Solche richtigen Freunde bezeichnete schon der griechische Philosoph Aristoteles als Herzensfreundschaften. Von ihnen besitzen die meisten Menschen aufgrund des hohen Zeitaufwandes nur wenige, in der Regel maximal drei. Daneben gibt es Alltagsfreundschaften und Freundschaften in sozialen Netzwerken. Alltagsfreunde sind diejenigen, die man zum Geburtstag einlädt, aber denen man vielleicht nicht alles anvertraut. Darüber hinaus gibt es die sozialen Netzwerke, also Nachbarn, Kollegen, die Mitglieder aus Vereinen.

Umzüge – kein Problem für echte Freunde

Besonders das Fehlen von engen Herzensfreundschaften wird laut Studien von 40 Prozent der Deutschen beklagt. Als besonders bedauerlich wird das von Singles eingeschätzt. Demgegenüber nimmt die Bedeutung von Freunden ab, sobald man in einer Partnerschaft lebt und vor allem gemeinsame Kinder hat. Allerdings verhalten sich Männer und Frauen dabei unterschiedlich. Männer schränken bei Zeitknappheit die Pflege von Freundschaften eher ein, wohingegen Frauen den Kontakt gerade zu besten Freundinnen enger halten.

Zwar sind häufige Umzüge für den Freundeskreis abträglich. Doch gerade Herzensfreundschaften erweisen sich gegen Umzüge als robust. Sie werden auch über Entfernungen aufrechterhalten.

Doch sind die Freunde erst mal aus dem Blick geraten, kann man die Beziehungen auch nicht mehr gut auffrischen, wenn man mehr Zeit hat – etwa, wenn die Kinder aus dem Haus sind. Ein Drittel der 50-Jährigen gab bei einer Studie an, überhaupt keine guten Freunde mehr zu haben. Ein Drittel der über 60-Jährigen fühlt sich deshalb oft einsam.

Wie wichtig Freundschaften sind

Das hat auch gesundheitliche Folgen: Wer sich dauerhaft einsam fühlt, leidet eher unter chronischem Stress. Der den Blutdruck und das Immunsystem. Menschen mit einem größeren sozialen Netz leben dagegen länger – und gesünder. Der Effekt langer, guter Freundschaften ist ähnlich ausgeprägt wie der Verzicht auf Rauchen. Dazu sinkt das Demenzrisiko für diejenigen, die viele unterschiedliche Freunde haben – besonders dann, wenn sie auch einen intensiven Kontakt zu ihren Familien haben.

Neue Freundschaften knüpfen – mit Mut und Offenheit

Neue Kontakte entstehen heute am ehesten dort, wo noch spontane Begegnungen möglich sind: in Gemeindegruppen, Ehrenamt, Sportkursen, Chören oder Nachbarschaftsinitiativen. Wer hier für Begegnungen offen ist, die nicht geplant sind, hat Chancen, neue Freunde zu finden.

Und wie kann man bestehende Freundschaften halten? Der französische Philosoph Voltaire gab einen zeitlosen Hinweis: „Das erste Gesetz der Freundschaft lautet, dass sie gepflegt werden muss. Das zweite lautet: Sei nachsichtig, wenn das erste verletzt wird.“

Im Alltag kann das viel bedeuten: ein monatlicher Spaziergang, eine kurze Nachricht zwischendurch, ein jährliches Treffen, das fest im Kalender steht. Wenn sich die Beziehung ändert – durch Krankheit, durch unterschiedliche Lebensrhythmen oder neue Prioritäten – hilft es, offen darüber zu sprechen, statt die Verbindung still auslaufen zu lassen. Konflikte dürfen sein; aber sie brauchen Raum zur Klärung. Das führt zum Kern von Freundschaften, besonders, wenn sie tief sind: gegenseitige Offenheit und die Bereitschaft, einander zu unterstützen.