"Ordnet ein heiliges Fasten an"
Niemals habe ich derartige Berge von Pommes und Falafeln gesehen wie im abendlichen Nazaret 2018. Die Muslime begingen damals Ramadan und Nazaret ist eine sehr muslimische Stadt. Überall leuchteten Lichtgirlanden, wie bei uns zu Weihnachten. Über Tag herrschte eine quirlige, aber doch entspannte Stimmung. Dann, kurz vor Sonnenuntergang, war es, als breche Panik aus: Die Straßen waren voll und ein Stau reite sich hinter den anderen. Denn die muslimischen Einwohner strömten nach Hause oder in die Restaurants, zum abendlichen Fastenbrechen. Als ich eine Stunde später auch ins Restaurant ging, wurde es gerade von den ersten Gästen verlassen, während viele noch tafelten: Berge von Pommes, Falafeln und Lammspießen, die von einer Lichtmischung aus Lampions und Neonröhren beleuchtet wurden. Für mich als westlich geprägter Mitteleuropäer fühlte es sich wie eine seltsam fremde Form des Fastens an.
Doch Fasten ist mehr als Diät, sondern eine bewusste Unterbrechung des Gewohnten. Und: Fasten treffen wir auch in Deutschland in vielen verschiedenen Varianten: Von Christen im Westen wird es sehr individuell und eher leger praktiziert: Keine Süßigkeiten, kein Fleisch, mal eine App löschen. Die Muslime, für die der Ramadan dieses Mal in die Zeit von Februar bis März fällt, ist es härter: Sie dürfen von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang weder Nahrung noch Getränke zu sich nehmen – dafür aber danach so viel essen, wie sie wollen.
Eine uralte Praxis
Schon in den Texten des antiken Ägypten gibt es Hinweise auf das Fasten. So scheinen sich Priester vor kultischen Handlungen bestimmtem Speisen und sexueller Kontakte enthalten zu haben, um körperlich und geistig „rein“ in den Dienst der Götter zu treten. Diese Form der Enthaltsamkeit diente der Herstellung von Kultreinheit im Rahmen der kosmischen Ordnung.
Der Sinn des Fastens
Durch den freiwilligen Verzicht auf Nahrung oder Annehmlichkeiten entsteht Raum für Reflexion, Klärung und Zentrierung auf das, was wirklich wichtig ist. Der innere Gewinn, der mit dieser Form des Verzichts verbunden wird, ist vielfältig: Viele Teilnehmer berichten von geistiger Klarheit, emotionaler Gelassenheit und stärkerer Achtsamkeit, wenn äußere Ablenkungen wegfallen und der Fokus nach innen gerichtet wird. Diese Effekte sind nicht nur spirituell beschrieben, sondern werden auch im Rahmen moderner wissenschaftlicher Untersuchungen thematisiert. Sie zeigen: Fasten kann zur Selbstreflexion und mentalen Neuorientierung beitragen.
Christentum - in der Nachfolge Jesu
Mose fastete vor dem Empfang der Zehn Gebote, Elija fastete ebenfalls, während er zum Berg Horeb reiste, Jesus verbringt 40 Tage ohne Nahrung in der Wüste, bevor sein öffentliches Wirken beginnt.
Im Christentum wurde über die Jahrhunderte eine Vielzahl an Fastenformen entwickelt.
Das westliche Christentum – eine große Fastenzeit
Die bekannteste Fastenzeit ist die vierzigtägige vorösterliche Phase. In der westlichen Kirche beginnt sie am Aschermittwoch und endet am Ostersonntag. In dieser Zeit bereiten sich die Gläubigen durch Gebet, Buße und bewusstes Verzichten auf das Fest der Auferstehung vor. Dieser Zeitraum erinnert direkt an die 40 Tage Jesu in der Wüste und ist in vielen christlichen Traditionen zentraler Bestandteil des Kirchenjahres.
In der katholischen Kirche gilt an Aschermittwoch und Karfreitag eine verpflichtende Fastenregel: nur eine volle Mahlzeit und zwei kleinere Stärkungen sind erlaubt, und an den Freitagen der Fastenzeit ist Abstinenz von Fleisch üblich. Daneben gibt es Empfehlungen zu Gebet und Werken der Nächstenliebe, die mit dem Fasten verknüpft sind.
Wer auf Fleisch verzichtet, aber seinen Mitmenschen mit Härte begegnet, hat den Sinn des Fastens verfehlt
Orthodoxe Kirche - Butterwoche, Fastenzeit und reiner Montag
Besonders ausgeprägt ist das Fasten in den orthodoxen Kirchen des Ostens. Hier ist es nicht auf eine einzige Zeit im Jahr beschränkt, sondern durchzieht das gesamte Kirchenjahr. Neben der Großen Fastenzeit vor Ostern gibt es weitere längere Fastenzeiten: die Advents- bzw. Weihnachtsfastenzeit, das Apostelfasten vor dem Fest der Apostel Petrus und Paulus sowie das Gottesmutterfasten im August. Hinzu kommen wöchentliche Fasttage, meist Mittwoch und Freitag, die an Verrat und Kreuzigung Christi erinnern.
Gefastet wird in der Regel durch Verzicht auf bestimmte Nahrungsmittel. Während der Großen Fastenzeit verzichten Gläubige auf Fleisch, Milchprodukte, Eier und häufig auch auf Fisch; an strengeren Tagen zusätzlich auf Öl und Wein. Die Ernährung wird damit bewusst einfacher, pflanzlich und reduziert. Ziel ist nicht körperliche Schwächung, sondern geistliche Sammlung. Der Verzicht auf tierische Produkte symbolisiert eine Rückkehr zur ursprünglichen, „paradiesischen“ Schöpfungsordnung.
Dabei ist das Fasten in der Orthodoxie nie isoliert gedacht. Es steht in enger Verbindung mit intensiviertem Gebet, häufigeren Gottesdiensten und Werken der Barmherzigkeit. Die Liturgie der Großen Fastenzeit ist geprägt von Bußgesängen, der Rezitation des Bußkanons und dem wiederholten Ruf „Herr, erbarme dich“. Fasten wird so zu einem umfassenden geistlichen Weg – einer Schulung von Körper, Seele und Gemeinschaft.
Gleichzeitig betont die orthodoxe Tradition: Fasten ist kein Selbstzweck. Kirchenväter wie Johannes Chrysostomos mahnten bereits im 4. Jahrhundert: Wer auf Fleisch verzichtet, aber seinen Mitmenschen mit Härte begegnet, habe den Sinn des Fastens verfehlt. Entscheidend sei nicht allein die Speiseordnung, sondern die Verwandlung des Herzens.
Islam – Der Weg zur inneren Wachsamkeit
Das Fasten im Monat Ramadan gehört zu den fünf Säulen des Islam – neben dem Glaubensbekenntnis, dem Gebet, der Almosenpflicht und der Pilgerfahrt nach Mekka. Es ist damit keine freiwillige Frömmigkeitsübung, sondern eine religiöse Verpflichtung für alle gesunden erwachsenen Muslime.
Fasten bedeutet im Ramadan: Von der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang wird vollständig auf Essen, Trinken, Rauchen und eheliche Intimität verzichtet.
Nach Sonnenuntergang wird das Fasten traditionell mit einer Dattel und Wasser gebrochen. Vor Morgengrauen nehmen viele Gläubige eine letzte Mahlzeit ein, bevor der neue Fasttag beginnt.
Ziel des Ramadan ist die Entwicklung einer inneren Wachsamkeit: das Bewusstsein: Gott sieht das eigene Handeln und begleitet es.
Das Fasten soll helfen, Begierden zu zügeln, Geduld einzuüben und sich selbst besser kennenzulernen. Hunger und Durst erinnern an die eigene Abhängigkeit – und an die Situation von Menschen, die nicht freiwillig verzichten, sondern unter Mangel leiden. Deshalb ist der Ramadan eng mit der Almosenpflicht verbunden.
Neben der persönlichen Disziplin ist der Ramadan auch ein starkes Gemeinschaftserlebnis. Familien und Nachbarn treffen sich zum gemeinsamen Fastenbrechen. Moscheen sind gut besucht, insbesondere während der nächtlichen Gebete.
Buddhismus – Gegen die Unruhe des Geistes
Im Buddhismus gehört maßvolles Essen zu den grundlegenden Disziplinen des monastischen Lebens. Mönche und Nonnen essen traditionell nur vormittags; nach der Mittagszeit wird keine feste Nahrung mehr aufgenommen. Diese Praxis dient der Förderung von Achtsamkeit und Selbstbeherrschung.
Fasten im strengen Sinn – also längerer vollständiger Nahrungsverzicht – spielt im Buddhismus eine geringere Rolle als im Christentum oder Islam. Entscheidender ist die Haltung der Mäßigung. Extreme Askese wird sogar ausdrücklich kritisch gesehen.
Fasten ist hier eine Übung in Selbstbeobachtung und geistiger Klarheit. Der Körper wird bewusst diszipliniert, um die Unruhe des Geistes zu beruhigen.
Fasten heute – zwischen Diät und Lifestyle
Für moderne Menschen schwingt Fasten zwischen geistiger Übung, gesundheitlichem Trend und Selbstoptimierung.
Besonders populär ist das sogenannte Intervallfasten, bei dem Essenszeiten bewusst begrenzt werden – etwa nach dem 16:8-Modell. Studien zeigen: Zeitlich begrenztes Fasten kann einen positiven Effekte auf Stoffwechsel und Gewichtsregulation haben. In diesem Kontext steht Fasten weniger für Buße oder Umkehr, sondern für Leistungsfähigkeit, Vitalität und bewussten Umgang mit dem eigenen Körper. Der Verzicht dient in erster Linie der Gesundheit.
Eine andere, stark wachsende Form ist das Medienfasten. In einer Welt permanenter Erreichbarkeit entscheiden sich viele bewusst dafür, das Smartphone abends auszuschalten, soziale Medien zeitweise zu meiden oder ganze „Offline-Wochen“ einzulegen. Ziel ist es, wieder Konzentration, Ruhe und echte Begegnung zu ermöglichen. Fasten erhält damit eine gesellschaftliche Dimension: Es wird zur Kritik an Überfluss und Dauerbeschleunigung.