Wien - Ein Streifzug durch die Stadt der Habsburger
Wenn Sie ein paar Tage in Wien sind, dann fühlen Sie sich in der Innenstadt irgendwann verfolgt: Von einer Frau im Reifrock mit langen braunen Haaren und einem älteren Herrn mit ausuferndem Backenbart: Kaiserin Elisabeth „Sisi“ – nicht „Sissi“, glauben Sie Ernst Marischka das „s“ nicht – und Kaiser Franz Joseph.
Sisi und Franz Joseph sind in Wien allgegenwärtig. Der vorletzte österreichische Kaiser – seinen Nachfolger, den heiliggesprochenen Karl I. kennt kaum jemand – hat fast 70 Jahre lang regiert und war schon zu Lebzeiten von Folklore umgeben. Seine Frau Elisabeth galt einst als schönste Frau Europas, war aber wenig in Wien zugegen und ebenfalls schon vor ihrer tragischen Ermordung von einem Mythos umgeben. Medial ist es ein ungleiches Paar: Während er als alter Mann dargestellt wird, ist sie die ewig junge und schöne Frau.
Vieles von dem, was Wien heute ausmacht, ist in ihrer Lebenszeit entstanden: die Ringstraße und die neue Burg, die vielen klassizistischen und Jugendstilbauten im 1. Bezirk. Doch Wien hat mehr zu bieten.
Die Kapuzinergruft
Es ist eine unscheinbare Kirche: Die Kapuzinerkirche in Wien ist ein schmaler Bau in Ockerfarbe, mit einem großen Kreuz über dem Mittelfenster. Das Innere ist eine Hallenkirche, weiß getüncht, mit barocken Holzaltären. Auch den Eingang rechts vom Kirchenportal kann man leicht übersehen. Doch dahinter verbirgt sich eine der edelsten Grablegen der Christenheit: Fast 400 Jahre lang wurden hier die Kaiser des Heiligen Römischen Reiches und die Könige von Ungarn und Böhmen beigesetzt.
Kunsthistorisch am interessantesten sind die Särge aus dem Barock des 18. Jahrhunderts, besonders das Grabmal der Kaiserin Maria Theresia und ihres Mannes, Franz Stephan von Lothringen – dem Vorfahren aller heutigen Habsburger, die dem Mannesstamm nach zum Haus Vaudémont gehören. Auf einem Prunkbett liegen Kaiser und Kaiserin im vollen Herrschaftsornat, während die Seiten des Bettes Szenen aus ihrem Leben zeigen. Der Doppelsarg ist ungewöhnlich und verweist auf die so enge wie fruchtbare Beziehung der beiden – viele ihrer 16 Kinder liegen in der Nähe ihrer Eltern.
Allerdings liegen hier nicht immer alle Teile des Leichnams. Die Herzen und die Eingeweide vieler Habsburger wurden stattdessen in der Herzgruft der Augustinerkirche und in der Herzogsgruft des Stephansdoms beigesetzt.
Schatzkammer
Wenn Sie in die Hofburg möchten und die engen wie überfüllten Gänge des Sisi-Museums vermeiden wollen, gehen Sie in den Schweizertrakt und besuchen Sie dort die Schatzkammer. Dort finden Sie Kronen, Zepter, Waffenröcke und Silbertafeln, Reliquien und das Horn eines Einhorns – natürlich ist dies ein Fabelwesen, eigentlich ist es der Stoßzahn eines Narwals, aber in der frühen Neuzeit sah man das anders.
Die Wiener Schatzkammer ist eine der ältesten und edelsten Sammlungen europäischer Juwelen, die durch alle Kriege und Konflikte vergleichsweise vollständig erhalten blieb. Besonders sehenswert sind die Reichskleinodien, die Kronjuwelen des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Kaiser Franz II. ließ sie Ende des 18. Jahrhunderts aus ihrem traditionellen Aufbewahrungsort in Nürnberg vor den Franzosen evakuieren – seit 1800 werden sie in Wien aufbewahrt.
Besonders erwähnenswert unter diesen Reichskleinodien ist die Reichskrone aus dem 10. Jahrhundert. Interessant ist auch der Krönungsmantel, der aus dem normannischen Süditalien stammt und ein orientalisch-muslimisches Bildprogramm inklusive eines arabischen Textes zeigt – ein Zeichen für den interkulturellen Charakter der Gebiete an den Grenzen des christlichen Abendlands.
Das Belvedere
Zu den schönsten barocken Parks im deutschsprachigen Raum gehören die drei Parkterrassen zwischen den beiden Belvedere-Schlössern. Sie wurden für Prinz Eugen von Savoyen erbaut, der als „edler Ritter“ in das Volksliedgut eingegangen ist und die Eroberung Ungarns vom Osmanischen Reich wesentlich mitverantwortete.
Es ist ein Kennzeichen der habsburgischen Geschichte, dass ihre kompetentesten Diener kaum weniger reich waren als das Herrscherhaus selbst. Das lässt sich am Oberen Belvedere beobachten, das damals das kaiserliche Sommerschloss Favorita – heute das Theresianum in Wien – an Pracht in den Schatten stellte.
Vom einstigen Glanz des Oberen Belvedere zeugt noch heute die prachtvolle und abwechslungsreiche Barockfassade, während die Innenräume während und nach dem Krieg größtenteils ihres einstigen Schmucks beraubt wurden. Gewohnt hat Prinz Eugen hier jedoch nicht. Seine Wohnung hatte er im vergleichsweise schmucklosen Unteren Belvedere, das im Inneren jedoch noch einige Highlights barocker Raumkunst bietet. Doch auch so wären die umfangreichen Kunstsammlungen in beiden Schlössern einen Besuch wert.
Schönbrunn
Wenn Sie nach dem Park des Belvedere noch Lust haben, besuchen Sie auch das Schloss Schönbrunn, etwas abseits des Zentrums gelegen. Bis ins 19. Jahrhundert lag es in den Wiesen vor der Stadt, ein typisches Kennzeichen für ein Sommerschloss.
Hier könnten Sie die Appartements des allgegenwärtigen Kaiserpaares Franz Joseph und Elisabeth besuchen – kunsthistorisch spannender sind jedoch die Appartements Maria Theresias im westlichen Flügel. Die Kaiserin hat Schönbrunn sein heutiges Aussehen verliehen.
Aktuell gibt es eine etwa einstündige Schlossführung durch die Sommerappartements im Erdgeschoss und die Repräsentationsräume in der Beletage. Danach können Sie durch den abwechslungsreichen Schlosspark streichen, der in seinen verschiedenen Teilen dem aufmerksamen Besucher viele Überraschungen bietet.