Der Prozess der Heiligsprechung
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Orientierung
Freitag, 29. Mai 2026

Himmlische Karrieren

Wann ist ein Mensch heilig? Dazu gibt es viele mögliche Antworten. Grundsätzlich sind alle Christen heilig, denn sie sind auf Christus getauft. So haben sie Anteil an der Heiligkeit Gottes.

Doch es gibt Menschen, die in besonderer Weise herausragen. Manche sind nur innerhalb eines kleinen Kreises bekannt. So manche stille Nachbarin oder mancher Großvater führt ein Leben, das derart präsent in der Gegenwart Jesu ist, dass andere sie oder ihn für heilig halten. An solche Menschen erinnern sich andere noch lange, und noch Jahrzehnte nach ihrem Tod liegen frische Blumen auf dem Grab.

Andere Personen sind schon zu Lebzeiten international berühmt. Doch woher weiß man, ob der Betreffende wirklich der Verehrung würdig ist? Die katholische Kirche hat dafür auch ein förmliches Verfahren entwickelt: das Heiligsprechungsverfahren.

Der mühsame Weg durch die Instanzen

Wer heute in den Kanon der Heiligen aufgenommen werden möchte, muss eine von drei Voraussetzungen erfüllen: das nachgewiesene Blutzeugnis als Märtyrer, ein bestätigtes heroisches Tugendleben als Bekenner oder die freie und freiwillige Selbsthingabe des eigenen Lebens aus Liebe zu Gott und den Nächsten.

Das Verfahren beginnt immer mit einer Gruppe von Gläubigen, die sich an den Ortsbischof des Ortes wenden, an dem der Verehrte verstorben ist. Bei den meisten Personen sind seit ihrem Tod mehrere Jahre bis Jahrzehnte vergangen, in denen die Erinnerung sich als lebendig erwiesen hat. „Santo Subito“ Rufe, die schon bei der Beisetzung von Papst Johannes Paul II. angestimmt wurden, sind außerordentlich selten. Neben lokalen Initiativen sind es vor allem Gemeinschaften wie Orden oder die neuen geistlichen Bewegungen, die sich aktiv an den zuständigen Bischof wenden.

Der eröffnet, wenn er die Verehrung für glaubhaft hält, das Verfahren. Dann tritt eine Schlüsselfigur auf den Plan: der Postulator. Er fungiert als eine Art Anwalt der Gläubigen: Er vernimmt Zeugen, sichtet Schriften und erstellt eine detaillierte Biographie.

Der Postulator hat die Aufgabe, sich ein möglichst umfassendes Bild des Betreffenden zu machen. Das bedeutet auch, kritisch zu sein, so Pater Thomas Klosterkamp OMI, Professor für Kirchengeschichte an der Oblate School of Theology in San Antonio (Texas), der mehrere Jahre Postulator für die Oblatenmissionare in Rom war. Meistens, so Pater Klosterkamp, seien 90 Prozent der Leute, mit denen man spreche, überzeugt, der Betreffende sei ein Heiliger. Dann müsse man auch unangenehme Fragen stellen, etwa bei einem Priester, ob man sicher sei, dass dieser seiner Zölibatsverpflichtung nachgekommen ist. Das löse mitunter heftige Reaktionen aus, deswegen seien häufig diplomatische Formulierungen gefragt, so Klosterkamp.

Ein solches Verfahren dauert oft viele Jahrzehnte. Ausnahmen sind Personen wie Mutter Teresa, die vergleichsweise schnell nach ihrem Tod heiliggesprochen wurde. Das hat auch praktische Gründe. Denn der Postulator muss möglichst alle Fakten über ein Leben sammeln. Bei bekannten Personen gibt es schon viele Vorarbeiten.

Nach Abschluss der Untersuchung wird in Rom die Positio erstellt – eine oft hunderte Seiten umfassende Dokumentation, die von Historikern, Theologen und schließlich Bischöfen geprüft wird. Wenn der Papst daraufhin das Dekret über die heroischen Tugenden unterzeichnet, darf die Person als „verehrungswürdig“ bezeichnet werden.

Vorschau Heiligsprechung
Heiligsprechungen finden heute meistens auf dem Petersplatz in Rom statt

Das Wunder als göttliches Siegel

Während die menschliche Prüfung stattfindet, wartet die Kirche auf ein „Zeichen von oben“. Für eine Seligsprechung ist – außer bei Märtyrern – ein Wunder erforderlich. Häufig handelt es sich um Heilungswunder. Die Kirche definiert dafür strenge Richtlinien: Eine Heilung muss umgehend, ganzheitlich und dauerhaft sein, und für Mediziner darf es keine wissenschaftliche Erklärung geben.

Die Notwendigkeit eines Wunders hat auch Folgen für die Auswahl neuer Heiliger. Denn das Wunder muss auf die Fürsprache des Betreffenden erfolgen. Wo aber eine solche Fürsprache nicht erbeten wird, kann ein solcher Nachweis nicht erbracht werden. In wissenschaftlichsäkularen Gesellschaften sind solche Bitten um Fürsprache seltener als in Gegenden mit einer lebendigen Volksfrömmigkeit. Auch das hat zu einer Verschiebung der Heiligsprechungen in den globalen Süden geführt.

Allerdings kann der Papst von der Notwendigkeit eines Wunders für die Heiligsprechung dispensieren. So geschehen bei Petrus Faber: Dessen Heiligkeit erschien Papst Franziskus hinreichend evident, um ihn auch ohne Wunder heiligzusprechen.

Von „selig“ zu „heilig“

Seligsprechung und Heiligsprechung unterscheiden sich nicht in der Qualität des Heiligen, sondern nur in der Ausbreitung der Verehrung. Die Verehrung eines Seligen ist meist auf ein Bistum, ein Land oder eine Ordensgemeinschaft begrenzt, der Kult eines Heiligen ist in der ganzen Kirche verbreitet. Für die Heiligsprechung braucht es daher ein zweites Wunder.

Viele Heilige für eine weltweite Kirche

Unter Johannes Paul II. erlebten Heiligsprechungen einen Boom: Er sprach mehr Menschen selig und heilig als alle seine Vorgänger zusammen. Der Papst wollte zeigen: Heiligkeit ist ein erreichbares Ziel für jeden Christen inmitten des normalen Lebens mit all seinen Freuden und Leiden. „Es geht darum, in der Gemeinschaft der Heiligen viele Modelle für das christliche Leben zu haben, mit denen sich die unterschiedlichen Gläubigen identifizieren können“, so Pater Klosterkamp.