Weniger ist mehr
Menschen brauchen Regeln. Sie helfen uns im Alltag: Eine rote Ampel bedeutet Stopp, zur Begrüßung geben wir uns die Hand und wir trennen unseren Müll. Solche Regeln erleichtern das Zusammenleben – auch in Familien. Auch in Familien gibt es Gewohnheiten: wo Straßenschuhe ausgezogen werden, wer wo am Tisch sitzt; was zu den Mahlzeiten üblicherweise gegessen wird. Oft taucht die Frage nach Regeln dann auf, wenn bestimmte Situationen immer wieder anstrengend werden. Dann geht es darum, wiederkehrende Konflikte zu entschärfen und Klarheit zu schaffen.
Warum sollten Regeln vereinbart werden?
In vielen Familien wird um den Medienkonsum gestritten. Wie viel Zeit dürfen die Kinder mit Fernsehen, Handy und Computer verbringen? Pädagoginnen und Pädagogen schlagen häufig vor, gemeinsam auszuhandeln, wie viel Zeit für die Mediennutzung in Ordnung ist und gemeinsam eine verbindliche Regel aufzustellen. Das Ziel ist, in einem ausführlichen Gespräch den wiederkehrenden Streitpunkt zu klären. Knackpunkt ist das gemeinsame Aushandeln der Regeln: In dem Gespräch sollten die Kinder altersangemessen mit einbezogen werden, damit die Regeln auch als gemeinsame Vereinbarung akzeptiert werden. Dies gilt auch für die Konsequenzen, wenn die Regel nicht eingehalten werden.
Und wenn die Regeln nicht eingehalten werden?
Jüngere Kinder leben ganz im Moment und in ihrer Emotion, ältere Kinder testen bewusst aus, was passiert, wenn eine Regel nicht beachtet wird. Niemals werden alle Regeln so wie vereinbart eingehalten. Für Eltern wird es dann anstrengend, denn es gilt, die Konsequenzen durchzusetzen und die Reaktion der Kinder auszuhalten – und das wird eher Wut sein als Begeisterung. Expertinnen und Experten raten zu logischen Konsequenzen – also Folgen, die aus der Situation entstehen, nicht zu Strafen. Wurde beispielsweise vereinbart, dass abends vor dem Schlafen aufgeräumt wird – und dies nicht gemacht wurde, dann fällt die Gute-Nacht-Geschichte vielleicht kürzer aus – die Eltern müssen ja noch aufräumen. Oder: Die Straßenschuhe sollen im Flur ausgezogen werden. Wer trotzdem damit durch die Wohnung läuft, muss fegen. Eine Strafe wie Taschengeldentzug oder Hausarrest wirkt dagegen willkürlich.
Regeln sind nicht in Stein gemeißelt
Gerade wenn Regeln schon gut eingespielt sind, dann sind natürlich Ausnahmen erlaubt. Kinder wissen sehr genau, dass die Umstände zur Regel mit dazu gehören. Gerade Krankheit oder Urlaub können solche Ausnahmen rechtfertigen. Das kann sogar dazu führen, dass im Alltag die Regel eher befolgt wird: Denn die Kinder spüren durch die Ausnahme, dass ihre Bedürfnisse auch gesehen werden – und sie nicht nur reglementiert werden. Die Regeln sollten regelmäßig überprüft werden, ob sie noch „aktuell“ sind. Die Kinder werden älter – und die Regeln sollten daran angepasst werden.
Regeln allein helfen nicht
„Wenn Sie Regeln aufstellen, werden die Kinder entweder unterwürfig oder kriminell.“ Dieses Zitat stammt von Jesper Juul. Der dänische Familienberater erinnert daran, dass Regeln allein nicht genügen. Kinder brauchen vor allem Beziehung und ein Gegenüber. Abstrakte Regeln können von Kindern nur befolgt oder gebrochen werden. Mit Regeln kann man sich nicht streiten. Daher ist es wichtig, dass Eltern sich nicht hinter Regeln verstecken: Indem Eltern ihre Bedürfnisse und Wünsche formulieren, können sie in die persönliche Auseinandersetzung mit den Kindern und Jugendlichen gehen. Diese Widerstände ermöglichen es den Kindern, sich zu entwickeln. So bleibt die Regel: „Mit 14 Jahren bist du um 21 Uhr zuhause“ ein unpersönliches Gesetz und die Eltern degradieren sich selbst zu Kontrolleuren der Regel. Stattdessen könnten sie sagen: „Ich möchte, dass du um 21 Uhr zuhause bist, denn ich mache mir Sorgen um dich.“ Das bedeutet nicht, dass es weniger Diskussionen gibt. Aber die Kinder bzw. Jugendlichen können sich nun an den Eltern reiben – und müssen ihren Weg finden, die Spannung zwischen der elterlichen Sorge und dem eigenen Bedürfnis nach Freiheit und Freunden auszubalancieren. Für die Eltern gibt das die Möglichkeit, ein Gesprächspartner zu werden und eine echte persönliche Autorität zu gewinnen. Jesper Juul plädiert so nicht für eine Regellosigkeit, sondern für den Dialog.
Keine endlosen Verhandlungen und Gespräche
Weder Juul noch die Pädagogen, die ein Aushandeln von Regeln empfehlen, fordern endlose Diskussionen. Es geht darum, den unterschiedlichen Standpunkten Raum zu schaffen: Eltern sollen ihre Kinder hören, Kinder ihre Eltern. Am Ende bleibt es Aufgabe der Eltern, Regeln zu setzen – ob persönlich formuliert oder als feste Vorgabe. Dazu haben sie das Recht und die Pflicht – ihren Kindern zuliebe. Juul nennt die Eltern Sparringspartner: Ein Gegenüber, das maximalen Widerstand anbietet, an dem sich die Jugendlichen reiben können und dabei minimalen Schaden anrichtet. Denn Eltern wollen mit ihren Regeln nicht verletzen, sondern begleiten: als klares Gegenüber, mit Liebe – und mit dem Ziel, das Kind fürs Leben zu stärken.