Berufen zur Heiligkeit
Wir sind alle keine Heiligen. So sagte es mir vor einigen Jahren eine Frau bei einer unserer Gemeindemissionen. Dieser Satz hat mich nachdenklich gemacht. Auf der einen Seite hat sie recht. Niemand von uns würde wohl von sich sagen, dass er oder sie heilig ist. Und doch steckt da vielleicht auch eine Vorstellung von Heiligkeit in uns, die wir verändern sollten. Denn wir alle sind zur Heiligkeit berufen. Aber mehr als um Perfektionismus geht es darum, sich auf den Weg zu machen. Heiligkeit ist keine Auszeichnung für wenige Auserwählte, sondern das Ziel unserer Berufung als Getaufte.
Die allgemeine Berufung zur Heiligkeit
Das Zweite Vatikanische Konzil hat diese Einsicht klar formuliert und damit die Vorstellung, Heiligkeit sei nur etwas für wenige ausgewählte Ordensleute oder Priester, grundlegend verändert. In Lumen Gentium, dem Dokument über die Kirche, heißt es da: „Wenn also in der Kirche nicht alle denselben Weg gehen, so sind doch alle zur Heiligkeit berufen“ (LG 32). Damit sind alle Gläubigen gemeint, unabhängig von ihrem Stand, ihrem Beruf oder ihrer Lebenssituation. Heiligkeit meint dabei nicht moralische Perfektion, sondern ein Leben aus der Beziehung zu Gott, ein Dasein, das sich vom Evangelium prägen lässt. Diese Perspektive hat Papst Franziskus in seinem Apostolischen Schreiben Gaudete et Exsultate eindringlich neu entfaltet. Er schreibt: „Mein bescheidenes Ziel ist es, den Ruf zur Heiligkeit einmal mehr zum Klingen zu bringen und zu versuchen, ihn im gegenwärtigen Kontext mit seinen Risiken, Herausforderungen und Chancen Gestalt annehmen zu lassen. Denn der Herr hat jeden von uns erwählt, damit wir in der Liebe »heilig und untadelig leben vor ihm« (Eph 1,4) (Gaudete et Exsultate 2).
Für Papst Franziskus ist Heiligkeit zutiefst alltagsnah. Sie zeigt sich in kleinen Gesten der Liebe, in Geduld, Barmherzigkeit und Treue – im „Heiligsein von nebenan“. Franziskus warnt davor, Heiligkeit zu spiritualisieren oder zu ideologisieren. Sie ist weder weltflüchtige Frömmigkeit noch moralischer Rigorismus. Vielmehr wächst sie im konkreten Leben, dort, wo Menschen ihre Verantwortung wahrnehmen, Konflikte aushalten und sich von Gott immer wieder neu formen lassen.
Jeder Mensch ist eingeladen, seinen eigenen Weg der Heiligkeit zu entdecken. Es gibt kein einheitliches Modell. Gott spricht jeden auf seine oder ihre ganz persönliche Weise an. Heiligkeit entfaltet sich in der persönlichen Berufung, im Hören auf das Wort Gottes und im treuen Vollzug dessen, was das Leben gerade fordert. Gleichzeitig ist Heiligkeit immer gemeinschaftlich. Sie wächst in der Kirche, aus den Sakramenten und in der Solidarität mit anderen, besonders mit den Schwachen.
Heiligkeit im Licht des Oblatencharismas
Diese allgemeine Berufung zur Heiligkeit konkretisiert sich für Ordensgemeinschaften in ihrem je eigenen Charisma. Damit ist jene Gabe des Heiligen Geistes gemeint, die den Ordensgründerinnen und Ordensgründern für ihre Gemeinschaft geschenkt ist und die wir als Ordensleute versuchen, lebendig zu halten. Für uns Oblaten ist Heiligkeit untrennbar mit unserer Sendung als Missionare verbunden. In unserer missionarischen Berufung und durch unser missionarisches Handeln werden wir heilig. Ausgestaltet wird unsere Mission daher durch unser Oblatencharisma, für das sich neun konkrete Charakteristiken ausmachen lassen, die unseren „oblatischen“ Weg zur Heiligkeit konkret werden lassen.
An erster Stelle steht die Liebe zu Jesus Christus und zur Kirche. Sicherlich ist diese Liebe zu Christus und der Kirche für alle Christen ein zentrales Merkmal für Heiligkeit. Aber in besonderer Weise beginnt für uns Oblaten der Weg zur Heiligkeit mit einer persönlichen, lebendigen Beziehung zu Christus, die getragen ist von der Treue zur Kirche und ihrer Sendung. Diese Christusliebe ist für uns keine abstrakte Idee, sondern Quelle und Maßstab all unseres missionarischen Handelns. Im Gebet wenden wir uns an Christus, um uns vom Ihm in diese Welt senden zu lassen. Ich persönlich spüre immer wieder, wie wichtig diese Beziehung zu Christus im Gebet ist. In den Herausforderungen des Alltags darf ich mich vertrauensvoll an Jesus wenden, ihm mein Herz ausschütten und darauf vertrauen, dass er mir zuhört und mich stärkt.
Eng damit verbunden ist unsere besondere Beziehung zu Maria, der Mutter Jesu. Sie steht für die Offenheit gegenüber Gottes Wort, für die Verfügbarkeit Seinem Willen gegenüber und für ein unerschütterliches Vertrauen in Seine Führung. Maria ist uns dabei eine Wegbegleiterin auf unserem Glaubensweg. Zu ihr können wir in allen Herausforderungen des Alltags kommen und sie nimmt uns auf unserem Weg zur Heiligkeit an der Hand.
Zentral ist für uns auch die Zuwendung zu den Armen und Verlassensten. Hier wird Heiligkeit konkret. Sie zeigt sich im Einsatz für Menschen, die an den Rand gedrängt sind – sozial, geistlich oder existenziell. Die Nähe zu ihnen ist kein Zusatz zu unserer Spiritualität, sondern ein wesentlicher Bestandteil. Wir möchten den Armen das Evangelium verkünden und werden so wiederum selbst zu Empfängern dieser frohen Botschaft.
Wir Oblaten sind Missionare. Die Mission macht unsere Berufung zur Heiligkeit zu einem dynamischen Geschehen. Wir sind gerufen, nach draußen zu gehen, den Dialog zu suchen und Grenzen zu überschreiten. Mission meint dabei nicht primär Aktivismus oder ein Überstülpen von Überzeugungen, sondern die glaubwürdige Präsenz des Evangeliums im eigenen Leben und im Leben der Menschen, zu denen wir gesandt sind.
Wesentlich ist für uns Oblaten außerdem das Kreuz. Der Weg der Heiligkeit ist kein Weg ohne Leiden. Für uns bedeutet das, die Realität von Scheitern, Widerstand und Ohnmacht anzunehmen und im Licht des Kreuzes zu deuten. Heiligkeit wächst oft dort, wo es uns gelingt, die eigenen Wünsche hintanzustellen und Gottes Willen zu suchen.
Unverzichtbar ist schließlich die Gemeinschaft. Heiligkeit ist für uns keine Einzelleistung. Sie reift im gemeinsamen Leben, im Teilen von Glauben und Alltag, im gegenseitigen Tragen und Korrigieren. Wir leben in Kommunitäten, um durch diese und in ihnen gemeinsam heilig zu werden. Das ist nicht immer leicht, aber für uns als Ordensleute wesentlich.
Der priesterliche Charakter unserer Kongregation verweist uns auf die Sakramente. In und durch die Sakramente, die wir spenden und empfangen, erleben wir ihre verändernde Kraft. Auch dort, wo wir Oblaten nicht im engeren Sinn priesterlich wirken, bleibt diese Dimension prägend. Es geht um ein Leben als Hingabe für andere.
Unser Ordensleben nach den evangelischen Räten Armut, Keuschheit und Gehorsam wird zum Zeichen für eine Lebensform, die auf Gott vertraut und sich ganz in seinen Dienst stellt. Als Ordensleute leben wir für Gott und aus Seiner Liebe. In der Treue zu unseren Ordensgelübden sind wir auf dem Weg zur Heiligkeit unterwegs.
Schließlich richtet sich unser Blick auf die dringendsten Nöte der Zeit. Heiligkeit zeigt sich für uns in der Sensibilität und in der Offenheit für das, was heute notwendig ist, egal ob geistlich, sozial oder missionarisch. Indem wir nahe bei den Menschen sind, ihre Sorgen und Ängste kennen und teilen, suchen wir gemeinsam nach einem Weg zur Heiligkeit. Mir persönlich kommt dabei immer wieder eine Begegnung mit einem hilfsbedürftigen Mann in den Sinn, dem ich als junger Oblate begegnet bin. Er konnte aufgrund seiner körperlichen Behinderungen sein Haus nicht von Müll befreien und fand niemanden, der ihm dabei behilflich war. Mit einer kleinen Gruppe von Jugendlichen nahmen wir uns seiner an. Seinen Blick voller Dankbarkeit werde ich nicht mehr vergessen. Wir hatten ihm ein Stück Lebensqualität zurückgegeben. Er aber wurde für uns zu einem lebendigen Zeichen von Gottes Nähe auf unserem Weg zur Heiligkeit.
Mission und Heiligkeit
Für unsere Mission als Oblaten sollte Heiligkeit daher von zentraler Bedeutung sein. In einer säkularen Welt, die religiösen Worten oft misstraut, gewinnt das glaubwürdige Zeugnis an Gewicht. Heiligkeit wird zur Sprache, die verstanden wird, als gelebte Nähe, als authentische Beziehung zu Gott und den Menschen.
Es wird deutlich, dass unser Weg zur Heiligkeit keine Abschottung von der Welt oder ein Rückzug in eine kirchliche Sonderwelt ist, sondern als konsequente Nachfolge Christi im Alltag eines missionarischen Lebens gelebt wird. Durch unser Gebet, unser Gemeinschaftsleben, unsere Ordensgelübde und in der Treue zu unserem Charisma, streben wir danach, Christus glaubwürdig zu bezeugen. Heiligkeit zeigt sich so in unserer Liebe zu Gott und den Menschen.