Berufen zur Heiligkeit
Vorschau Vincenzo Bordo
Fokus
Donnerstag, 9. Juli 2026

Berufen zur Heiligkeit

Wir sind alle keine Heiligen. So sagte es mir vor einigen Jahren eine Frau bei einer unserer Gemeindemissionen. Dieser Satz hat mich nachdenklich gemacht. Auf der einen Seite hat sie recht. Niemand von uns würde wohl von sich sagen, dass er oder sie heilig ist. Und doch steckt da vielleicht auch eine Vorstellung von Heiligkeit in uns, die wir verändern sollten. Denn wir alle sind zur Heiligkeit berufen. Aber mehr als um Perfektionismus geht es darum, sich auf den Weg zu machen. Heiligkeit ist keine Auszeichnung für wenige Auserwählte, sondern das Ziel unserer Berufung als Getaufte.

Die allgemeine Berufung zur Heiligkeit

Das Zweite Vatikanische Konzil hat diese Einsicht klar formuliert und damit die Vorstellung, Heiligkeit sei nur etwas für wenige ausgewählte Ordensleute oder Priester, grundlegend verändert. In Lumen Gentium, dem Dokument über die Kirche, heißt es da: „Wenn also in der Kirche nicht alle denselben Weg gehen, so sind doch alle zur Heiligkeit berufen“ (LG 32). Damit sind alle Gläubigen gemeint, unabhängig von ihrem Stand, ihrem Beruf oder ihrer Lebenssituation. Heiligkeit meint dabei nicht moralische Perfektion, sondern ein Leben aus der Beziehung zu Gott, ein Dasein, das sich vom Evangelium prägen lässt. Diese Perspektive hat Papst Franziskus in seinem Apostolischen Schreiben Gaudete et Exsultate eindringlich neu entfaltet. Er schreibt: „Mein bescheidenes Ziel ist es, den Ruf zur Heiligkeit einmal mehr zum Klingen zu bringen und zu versuchen, ihn im gegenwärtigen Kontext mit seinen Risiken, Herausforderungen und Chancen Gestalt annehmen zu lassen. Denn der Herr hat jeden von uns erwählt, damit wir in der Liebe »heilig und untadelig leben vor ihm« (Eph 1,4) (Gaudete et Exsultate 2).

Für Papst Franziskus ist Heiligkeit zutiefst alltagsnah. Sie zeigt sich in kleinen Gesten der Liebe, in Geduld, Barmherzigkeit und Treue – im „Heiligsein von nebenan“. Franziskus warnt davor, Heiligkeit zu spiritualisieren oder zu ideologisieren. Sie ist weder weltflüchtige Frömmigkeit noch moralischer Rigorismus. Vielmehr wächst sie im konkreten Leben, dort, wo Menschen ihre Verantwortung wahrnehmen, Konflikte aushalten und sich von Gott immer wieder neu formen lassen.

Jeder Mensch ist eingeladen, seinen eigenen Weg der Heiligkeit zu entdecken. Es gibt kein einheitliches Modell. Gott spricht jeden auf seine oder ihre ganz persönliche Weise an. Heiligkeit entfaltet sich in der persönlichen Berufung, im Hören auf das Wort Gottes und im treuen Vollzug dessen, was das Leben gerade fordert. Gleichzeitig ist Heiligkeit immer gemeinschaftlich. Sie wächst in der Kirche, aus den Sakramenten und in der Solidarität mit anderen, besonders mit den Schwachen.

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Mission und Heiligkeit

Für unsere Mission als Oblaten sollte Heiligkeit daher von zentraler Bedeutung sein. In einer säkularen Welt, die religiösen Worten oft misstraut, gewinnt das glaubwürdige Zeugnis an Gewicht. Heiligkeit wird zur Sprache, die verstanden wird, als gelebte Nähe, als authentische Beziehung zu Gott und den Menschen.

Es wird deutlich, dass unser Weg zur Heiligkeit keine Abschottung von der Welt oder ein Rückzug in eine kirchliche Sonderwelt ist, sondern als konsequente Nachfolge Christi im Alltag eines missionarischen Lebens gelebt wird. Durch unser Gebet, unser Gemeinschaftsleben, unsere Ordensgelübde und in der Treue zu unserem Charisma, streben wir danach, Christus glaubwürdig zu bezeugen. Heiligkeit zeigt sich so in unserer Liebe zu Gott und den Menschen.