Mit Christus und den Armen in Verbindung
Wie kann eine reiche Kirche einen armen Christus verkünden? Diese Frage beschäftigt die Christen seit Jahrhunderten. Ein wichtiger Teil der Antwort auf diese Frage ist das Gelübde der Armut, das etwa in vielen Ordensgemeinschaften von den Mitgliedern abgelegt wird. So gehört es auch bei den Oblatenmissionaren zur Regel. Für die Mitglieder der Gemeinschaft ist es von entscheidender Bedeutung.
Eugen de Mazenod und der Geist der Armut
Das Verhältnis des Stifters der Gemeinschaft, des hl. Eugen von Mazenod (1782 bis 1861), zur Armut war das Ergebnis eines langen und schmerzhaften Reifungsprozesses. Die Armut war ihm als Sohn eines adligen Juristen und einer bürgerlichen Mutter nicht in die Wiege gelegt. Durch die Französische Revolution veränderte sich sein Leben radikal und es fiel ihm schwer, den Übergang von den Sicherheiten des Ancien Régime zu den liberalen Maßstäben der Französischen Republik zu vollziehen.
Die Spiritualität war für ihn der Schnittpunkt zwischen Adel und Armut. Ein Besucher berichtete über ihn, als Eugen schon Bischof war: „Eines Abends im November befand ich mich in dem bescheidenen Büro von Monsignore de Mazenod. Es war ein Freitag. Ich war zur Abendessenszeit noch immer dort … Er unterbrach das Gespräch nicht. Sein Diener brachte ihm auf einem Tablett ein Glas Wasser und ein Stück Brot. Das war sein Abendessen an jedem Freitag des Jahres.“
Der Weg zur Armut
Der Weg der Oblaten zum Gelübde der Armut war dabei nicht selbstverständlich. Denn sie begannen als eine Gemeinschaft von Diözesanpriestern. Diese konnten das Gelübde der Keuschheit und – wenn auch mit gewissem Widerstand – das Gelübde des Gehorsams mitvollziehen, hatten jedoch große Schwierigkeiten, ein kanonisches Gelübde der Armut abzulegen.
Dennoch wurde auf dem Generalkapitel von 1821 beschlossen, das Gelübde der Armut einzuführen, das bereits privat von Eugen (seit 1818) und von Pater François Tempier (seit 1820) praktiziert wurde. Von diesem Zeitpunkt an lautete die Regel: „Deshalb ist das Gelübde der Armut bei uns vorgeschrieben.“ 1826 wurde auf Ersuchen des Heiligen Stuhls die Formulierung festgeschrieben: „Alles in der Kongregation soll für den täglichen Gebrauch gemeinsam sein.“ 1853 kam es zu leichten Lockerungen: Zum Mittagessen wurde „eine normale Suppe“ anstelle von trockenem Brot gewährt, und für die Nachtruhe wurde von „einem einfachen Bett“ gesprochen.
Der Sinn eines Lebens nach dem Gelübde der Armut
Für viele Nachfolger des hl. Eugen war die Bereitschaft , die Armut zu ertragen, ein Zeichen eines echten religiösen Geistes. So kritisierte Pater Joseph Fabre OMI (Generaloberer 1861–1892) denjenigen, „dem der Gehorsam schwerfällt, den die Armut erschreckt, für den die Zeit des Gebets und des Studiums immer zu lang ist, in dessen Augen die akribische Einhaltung der Regeln eine Nebensache ist“.
Die Generalkapitel seiner Zeit legten daher strenge Grenzen fest: 1867 wurde den Pfarrern verboten, Geld für sich selbst zurückzubehalten; es wurde vorgeschrieben, alle Messopfergaben dem Ökonom zu übergeben, und der Besitz von „geheimen Geldern“ wurde für unvereinbar mit dem Gelübde der Armut erklärt. Im Jahr 1873 wurden Einschränkungen bei den Ausgaben für Bauvorhaben und Reparaturen gefordert, da diese zu gefährlichen Schulden führten.
Pater Auguste Lavillardière OMI (Generaloberer 1906–1908) verwies auf den evangelischen Sinn der Armut: „Gott, der das Überfl üssige verabscheut, warnt uns jedoch, dass er am Tag seiner Gerechtigkeit ein gutes, gefülltes, gepresstes und überfl ießendes Maß in unseren Schoß legen wird (Lukas 6,38). Wer im Geiste der Armut vorschreibt, die Krümel zu sammeln, ist derselbe, der auf wundersame Weise zwölf Körbe mit den Resten einer bescheidenen, aber reichhaltigen Mahlzeit füllt, damit niemand sich beklagen kann, ihm habe das Nötige gefehlt.”
Noch 1928 wurde bekräft igt, dass das Gelübde die eigenständige Verfügung über Güter verbietet und ein einfaches, strenges Leben verlangt. Dieses Leben unterliege der Aufsicht der Autorität, um das natürliche Verlangen zu zügeln, sich Besitz anzueignen.
Die Erneuerung durch das Zweite Vatikanische Konzil und der zeitgenössische Wandel
Mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962–1965) veränderte sich in der Kirche auch der Blick auf die selbstgewählte Armut.
Pater Léo Deschâtelets OMI (Generaloberer 1947–1972) verband die Armut mit dem Gemeinschaft sgefühl und kritisierte den „weltlichen Geist“ derer, die versuchen, sich persönliche Güter oder Reisen zu beschaff en, auch dann, wenn sie die Gemeinschaft skasse nicht belasten. Für ihn war das der Versuch, die Armut zu umgehen.
Die neuen Konstitutionen von 1966 griff en das Konzil auf, indem sie die Armut als „ein Mittel” betonten, „um mit Christus und mit den Armen in Verbindung zu treten“. Die Armut erfordert ein „gemeinsames Zeugnis evangelischer Selbstlosigkeit“.
Unter dem Einfl uss der Forderungen der Dritten Welt formulierte das Generalkapitel 1972 in der „Visée Missionnaire“ drei Leitlinien: die Vorzugspfl icht gegenüber den Armen, die Solidarität mit dem Menschen von heute und die Kreativität.
Daran anschließend stellte Pater Fernand Jetté OMI (Generaloberer 1974–1986) die Menschwerdung Christi in den Mittelpunkt seiner Überlegungen über die Armut: „Wenn man sich mit den Modalitäten der Menschwerdung Christi beschäft igt, fällt vor allem Folgendes auf: Er ist nicht nur Mensch geworden, sondern hat frei beschlossen, das Leben der Menschen in einer Situation der Armut zu führen …“ Dabei war sich Pater Jetté bewusst, wie groß der Abstand der Oblatenmissionare zu den wirklich Armen noch war: „Oft werden diesbezüglich Klagen laut. Man wird sagen, dass unser Lebensstil, unsere Freizeitgestaltung, unsere Gewohnheiten, unser Verhalten eher denen der Reichen, der ‚guten Reichen‘, der tugendhaft en Reichen, der Freunde der Armen entsprechen als denen der Armen.“
Das Kapitel von 1980 und die Konstitutionen von 1982 ordneten das Thema neu. Sie stellten das Gelübde in den Kontext der Nachfolge Christi und erklärten, dass die Entscheidung dazu anspornt, „in engerer Gemeinschaft mit Christus und den Armen zu leben“. Sie regelten auch die rechtliche Tragweite des Gelübdes, etwa den Verzicht auf die Nutzung und Verfügung über Güter und auf das Einkommen, allerdings unter Beibehaltung des bloßen Eigentums an persönlichem oder geerbtem Vermögen.
Für wen gibt es ein „normales Leben“?
Marcello Zago OMI (Generaloberer 1986–1998) blickte unter sozialen Gesichtspunkten auf die Armut. Während sich die Oblaten zu ihr entscheiden konnten, galt das für die Armen, denen sie nahe sein wollten, nicht. Umso wichtiger war die freiwillige Armut für eine Nähe zu den Menschen, zu denen die Oblaten gesandt wurden: „Die Oblaten teilen das Schicksal der Armen, ihre Leiden, ihre Nöte … Aus diesen Situationen der Ungerechtigkeit und Armut ergibt sich eine tiefgreifende Herausforderung für die Oblaten …”
Dieses Leben an der Seite der Armen war auch für die Perspektive der Oblaten bei der COVID-19-Pandemie entscheidend. So kritisierte Pater Louis Lougen OMI (Generaloberer 2010–2022) die Illusion einer „Rückkehr zur Normalität“, da die Mehrheit der Menschheit noch nie ein „normales“ Leben geführt habe, wie man es im Westen verstehe: „Die Pandemie muss der Welt die Augen für die große Ungerechtigkeit öff nen .... Die Pandemie hat uns geholfen, uns bewusster zu werden, dass Konsumismus und Materialismus Armut verursachen und die Umwelt zerstören.”
Damit verbanden die Oblaten die Frage von Armut, Konsum und Umweltschutz miteinander. Diesen Gedanken baut der aktuelle Generalobere Pater Luis Ignacio Rois Alonso OMI (seit 2021), aus, indem er die Notwendigkeit einer echten „ökologischen Umkehr“ betont, die mit evangelischer Armut verbunden ist: „Unsere Lebensweise ist eine Verkündigung des Evangeliums. Wenn wir von einer authentischen Bekehrung sprechen, um uns um unser gemeinsames Haus zu kümmern, müssen wir bis in die Tiefen unseres Herzens und auch in unsere Geldbörsen vordringen. Es ist einfacher, Solarzellen auf unseren Dächern anzubringen, als unseren Lebensstil zu ändern. Wir dürfen nicht wie jene sein, die Jesus kritisierte, denn obwohl sie das Gesetz kannten und es verkündeten, waren ihre Herzen und ihre Taten weit davon entfernt, es zu befolgen.”