Die Botschaft des Poverello
Franz von Assisi ist einer der bekanntesten und wirkmächtigsten Heiligen der Kirchengeschichte. Doch zugleich war er schon zu Lebzeiten und darüber hinaus eine umstrittene Gestalt. Wem gehört Franziskus? Darüber sprach Maximilian Röll mit Bruder Niklaus Kuster OFMCap.
Wenn wir heute über den hl. Franz sprechen, haben wir viele Bilder im Kopf, die durch seine Hagiographen geprägt sind. Welche Bilder von Franziskus wurden im Laufe der Zeit entworfen?
Das Bild des Poverello hat sich im Lauf der Zeit oft gewandelt: Kurz nach seinem Tod wurde der schlichte Bruder zu einem „zweiten Christus“ stilisiert. Luther sah in ihm einen frühen Vorläufer der Reformation. In der Romantik rückte der Tierfreund in den Vordergrund, der auch mit Wolf und Vögeln sprach. Frühkommunisten entdeckten in ihm einen Gesinnungsgefährten. Der WWF feierte sein 25-Jahr-Jubiläum 1986 in der Franziskuskirche, weil Franz ökologisch Besorgte inspiriert. Luise Rinser „verpoppte“ ihn in ihrem Buch „Bruder Feuer“. 2019 prägte die Deutsche Post eine Sonderbriefmarke zu 800 Jahren Begegnung zwischen Franziskus und Sultan al-Kāmil, um die beiden als Vorbilder des interreligiösen Dialogs in eine Nation hineinsprechen zu lassen, in welcher viele den Islam als Problem oder Gefahr darstellen. Franz von Assisi hat auch Papst Franziskus ermutigt, die katholische Kirche geschwisterlich zu prägen.
Franz stammt aus einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie. Wie war sein Weg zum Poverello?
Franz hatte zunächst einen vielversprechenden Start ins Leben, als er erfolgreich in das Geschäft seines Vaters einstieg. Dann wollte er Ritter werden, geriet jedoch in Kriegsgefangenschaft. Später wurde er krank. All das erschütterte ihn. Am Ende von vier bewegten Jahren fand er eine neue, radikale Lebensform. Schlüsselerfahrungen waren dabei die Entdeckung der Stille in San Masseo, Begegnungen mit Aussätzigen in der Ebene unterhalb Assisis und eine erste mystische Erfahrung in der kleinen Landkirche San Damiano. Sie führten zum Bruch mit der Stadt, zwei eremitischen Jahren mit Randständigen vor den Stadtmauern und einer Berufungserfahrung in der kleinen Landkirche der Portiuncula. Der Auftrag Jesu an seine Jünger, mit freien Händen Frieden in die Häuser und Dörfer zu tragen, erweist sich ihm als dringlich in der eigenen Zeit.
Franz wollte zunächst keine neue Institution gründen. Wie wurde aus seiner armen Bruderschaft dennoch so schnell eine weltweite Ordensbewegung?
Franz schlossen sich schon bald Gefährten und nach drei Jahren mit Klara und ihren Schwestern auch Gefährtinnen an. Die Gefährten und Gefährtinnen aktualisierten den Aufruf Jesu, besitzlos das Evangelium zu verkünden (Lk 10), in ihre eigene Zeit hinein: die Brüder mit einem Wanderleben und die Schwestern in der Art von Maria und Marta in Betanien. Das faszinierte die Menschen im Mittelalter und darüber hinaus. Ab 1217 erreichten erste Expeditionen in Spanien den Atlantik, in Tunesien Afrika, in Syrien den Nahen Osten und in Frankreich das nordalpine Europa. 1225 betraten erste Brüder die britischen Inseln. Der Osterauftrag Jesu, „das Evangelium bis zu den Enden der Erde zu verkünden“, leitete diese gezielte Expansion in alle Himmelsrichtungen.
Was fasziniert bis heute an Franziskus?
Franziskus forderte die Gesellschaft an der Seite der Ärmsten heraus; er verstand die Kirche geschwisterlich; er verband sich mit der geschaffenen Mitwelt; er lernte vom Islam und inspirierte damit den interreligiösen Dialog – damit fasziniert er bis heute.
Was ist das größte Missverständnis, wenn wir heute über das Armutsideal des hl. Franziskus nachdenken?
Armut bedeutete für Franz nicht Askese und Verzicht. Er verstand darunter keineswegs, möglichst wenig zu haben, sondern möglichst viel zu teilen: materiell, aber auch existenziell, an Zeit, Erfahrungen, Sorgen und Hoffnungen. Teilen überwindet Nöte und verbindet – zwischenmenschlich und im Größeren über alle sozialen, politischen und religiösen Grenzen hinweg.
Was bedeutete Armut für Franz konkret: kein Geld, kein Besitz, ein einfacher Lebensstil? Für wen sollten diese Beschränkungen gelten?
Franz wechselte vom Leben eines privilegierten Bürgers einer wohlhabenden Stadt an die Seite der Randständigen. Das tiefste Motiv war über die Erschütterung angesichts neuer Formen der Armut in der aufstrebenden Stadt Assisi hinaus ein spirituelles: Arm wie Reich beten zum gleichen Vater im Himmel und bitten um das Lebensnotwendige. Es fehlt nicht an Gütern auf Erden. Das Problem liegt im Horten. Für die Friedensmission seiner Brüder ließ er sich vom Evangelium (Mt 10, Lk 10, Mk 10) leiten: Sich mit freien Händen in den Dienst der Menschen aller Schichten stellen.
Was war der Blick von Franz auf Reichtum? Was verstand er überhaupt darunter?
Als Kaufmann erkennt Franz das Verführerische der neuen Marktwirtschaft: Eigeninteressen über alles zu stellen, sich ohne Rücksicht materiell zu bereichern und dabei in ein sozial unsensibles Milieu der Privilegierten zu geraten. Als Bruder entdeckt er das „Leben in Fülle“ (Joh 10) auf den Fußspuren Jesu: in einer Geschwisterlichkeit, die mit Menschen nah und fern verbindet, in einer neuen Beheimatung in Gottes Schöpfung und in der Gottesfreundschaft.
Welche Rolle spielt der „arme Christus“ für das Armutsverständnis des hl. Franziskus?
Die Ikone des menschlichen Christus von San Damiano zeigte dem jungen Franz in seiner Krise, dass Gott nicht ein ferner Weltenherrscher ist, sondern ihm als göttlich-menschlicher Bruder auf Augenhöhe begegnet und ihn dazu einlädt, seinen Fußspuren zu folgen. Franz erlebt dabei die Erfüllung der Verheißung, dass Menschen durch jeden Verzicht in der Nachfolge hundertfach erhalten (Mk 10).
Franz wollte nicht nur den Armen helfen, sondern selbst arm leben. Was ist der Unterschied zwischen Hilfe für Arme und Solidarität mit Armen?
Hilfe, die aus örtlicher oder existenzieller Distanz geschieht – sei es durch Sozialarbeit, Spenden an Hilfswerke oder in Katastrophen –, kann Not lindern. Echte Solidarität, wie Franz sie versteht, teilt die Lebenssituation. Als nach dem schweren Erdbeben in Assisi ganze Dörfer monatelang evakuiert waren und in Containersiedlungen lebten, sandten Franziskaner und Kapuziner ihre jungen Brüder ebenfalls in Container. Das war weit mehr als materielle Unterstützung: ein solidarisches Teilen von Sorge und Hoffnung!
Die franziskanische Armut war auch eine Kritik an der reichen und mächtigen Kirche des Mittelalters. Wo war das Problem des hl. Franziskus? Wie reagierte die Kirche darauf?
Zeitgleich zu Franz und seiner fraternitas entfaltete sich die Waldenserkirche in Frankreich, Norditalien und Deutschland. Sie provozierte die Verfolgung durch ihre massive Kritik an der katholischen Amtskirche. Franz drängt seine Brüder, auf verbale Kirchenkritik zu verzichten. Sie werden jedoch durch ihre beherzte „vita evangelica“ zur gelebten Provokation. Allerdings ließ sich diese mit einigen Kompromissen beiderseits integrieren.
Welche Spannungen entstanden schon früh zwischen dem Ideal der Armut und den praktischen Anforderungen einer wachsenden Gemeinschaft?
Eine Bewegung mit Tausenden von Brüdern, die in ganz Europa, im Nahen Osten und in Nordafrika Fuß fasste, musste sich institutionalisieren. Die Spannung zwischen Inspiration und Institution provozierte im Lauf der Zeit immer wieder Reformen: Im 13. Jahrhundert distanzieren sich die Spiritualen von den großen Konventen, die in den Städten entstanden. Im 14. Jahrhundert ist es die Reform der Zoccolanti in Mittelitalien. Im 15. Jahrhundert wird die Bewegung der Observanten in halb Europa zur Reform, die sich 1517 als Franziskaner von den Minoriten trennt. Im 16. Jahrhundert kehren die Kapuziner zur Wanderpastoral und zum Leben in kleinen ländlichen Klöstern zurück.
Die franziskanische Bewegung wurde später vielfältig: Minderbrüder, Klarissen, Dritter Orden, Kapuziner. Welche unterschiedlichen Antworten auf Armut sind daraus entstanden?
Der Orden der Brüder fächerte sich durch die Reformbewegungen in Minoriten, Franziskaner und Kapuziner auf. Erstere lebten mitten in den Städten, Franziskaner eher am Stadtrand und Kapuziner in ländlichen Klöstern. Der Klarissenorden ist eine künstliche Fusion von Klaras Netzwerk mit dem streng klausurierten päpstlichen Damiansorden. Heute leben 90 % der Klarissen weltweit nach der Klararegel, die Klausur relativiert und Kontemplation mit Solidarität verbindet. Der franziskanische Dritte oder Weltorden hat zwei Zweige: den OFS für Familien und Singles, die den Spirit in ihrem angestammten Milieu leben, und die Kongregationen sozial oder pädagogisch tätiger Schwestern.
Franziskus liebte die Schöpfung, die Menschen, die Tiere, die Schönheit. Wie korrespondiert das mit seinem Armutsideal?
Sich ganz in der geschaffenen Mitwelt zu verorten bedeutete, das radikale Teilen auf den Lebensraum der Tiere und Pflanzen auszuweiten. Franz erkannte auch in ihnen Geschwister. Das ist bis heute ein Auftrag an uns: Wir Menschen tun gut daran, vom egozentrischen Umweltdenken zu einer neuen Sicht und Beziehung zur Mitwelt zu finden. Nicht nur wir Menschen verdanken unser Leben, Schönheit und Gaben dem einen gemeinsamen Vater: Auch Tiere und Pflanzen sind Geschöpfe desselben Schöpfers. Niemand kann Gott gefallen, der achtlos mit seinen Werken umgeht oder der sie ausbeutet. Das eine Lebenshaus der geschaffenen Welt wird von einer Vielzahl von Geschöpfen bewohnt. In unserer ökologischen Schieflage liefert Franz keine Rezepte, sehr wohl erinnert er aber an die Verwandtschaft aller Lebewesen. Wer mit dem mittelalterlichen Mystiker wieder in Beziehung tritt zu Tieren und Pflanzen, handelt aus innerer Verbundenheit ökologisch und findet zu einer beherzten Schöpfungssorge. Papst Franziskus spricht in „Laudato si’“ daher von der Notwendigkeit eines kontemplativen Umgangs mit unserer Welt, eines neuen Staunens und eines neuen Miteinanders von Menschen und Geschöpfen auf dem Weg zu ihrem gemeinsamen Schöpfer.